Gerhard Tersteegen
1697 - 1769


 

Erinnerung an die herrliche
und liebliche Gegenwart Gottes

 

Gott ist gegenwärtig!
Lasset uns anbeten
und in Ehrfurcht vor ihn treten.

Gott ist in der Mitte! 
Alles in uns schweige
und sich innigst vor ihm beuge.

         Wer ihn kennt,
         wer ihn nennt,
schlag die Augen nieder,
kommt, ergebt euch wieder.

 

Gott ist gegenwärtig, 
dem die Cherubinen
Tag und Nacht gebücket dienen.      

Heilig! Heilig! singen 
alle Engel-Chören,
wenn sie dieses Wesen ehren.

         Herr vernimm
         unsre Stimm,
da auch wir Geringen
unsere Opfer bringen.

 

Wir entsagen willig
allen Eitelkeiten,
aller Erdenlust und Freuden.

Da liegt unser Wille, 
Seele, Leib und Leben,
dir zum Eigentum ergeben.

         Du allein
         sollst es sein
unser Gott und Herre,
dir gebührt die Ehre.

 

Majestätisch Wesen, 
möchte ich recht dich preisen
und im Geist dir Dienst erweisen.

Möchte ich, wie die Engel, 
immer vor dir stehen,
und dich gegenwärtig sehen!

         Lass mich dir
         für und für
trachten zu gefallen,
liebster Gott, in allem. 

 

Luft, die alles füllet, 
drin wir immer schweben,
aller Dinge Grund und Leben,

Meer, ohn Grund und Ende, 
Wunder aller Wunder,
ich senk mich in dich hinunter:

         Ich in dir,
         du in mir,
lass mich ganz verschwinden,
dich nur sehn und finden.

 

Du durchdringest alles:
lass dein schönstes Lichte,
Herr, berühren mein Gesichte.

Wie die zarten Blumen 
willig sich entfalten,
und der Sonne stille halten:

         Lass mich so,
         still und froh,
deine Strahlen fassen
und dich wirken lassen.

 

Mache mich einfältig,
innig, abgeschieden,
sanfte, und im stillen Frieden.

Mach mich reinen Herzens,  
dass ich deine Klarheit
schauen mag in Geist und Wahrheit.

         Lass mein Herz
         überwärts
wie ein Adler schweben,
und in dir nur leben.

 

Herr, komm in mir wohnen, 
lass mein Geist auf Erden
dir ein Heiligtum noch werden.

Komm, du nahes Wesen,
dich in mir verkläre,
dass ich dich stets lieb und ehre.

         Wo ich geh,
         sitz und steh,
lass mich dich erblicken,
und vor dir mich bücken.

 

Ökumene der Mystik

 

Gerhard Tersteegen las und studierte fleißig die Katholische Mystik, so übersetzte er auch Werke der spanischen Wortführerin in der Mystik, der reformierten unbeschuhen Karmelitin Teresa von Avila. Eine große Nähe zeigt sich in seinem Leben und Wirken vor allem zur großen deutschen Mystik des Mittelalters, vor allem zu Meister Eckehart und Johannes Tauler. Sehr treffend charakterisiert Ruth Nientiedt seine Stellung zur katholischen Mystik:

"Trotz Tersteegens intensiver Auseinandseertzung mit katholischer Mystik und seinem konfessionsübergreifenden Denken, verstand er sich als „Protestant“. Hansgünter Ludewig nennt als speziell evangelische Komponenten seiner Mystik seine Bereitschaft als Prediger aufzutreten, die Rechtfertigung durch die Gnade, die gezielte Verbreitung seiner Lieder, die Unabhängigkeit von institutionalisierter Vermittlung, von Ämtern, Sakramenten und der Tradition sowie seinen engen Bezug zur Bibel, der seine Texte im wörtlichen Sinne „evangelisch“ macht." So in einer Seminararbeit im Internet (klick).

Als reformierter Pietist war er vor allem jeder Aufklärung in philosophischer oder theologischer Hinsicht abhold. Auch die überschäumende Lebensfreude des Barock musste ihm sehr fremd vorkommen, wohl ganz besonders in manchen Erscheinungen der süddeutschen Volksfrömmigkeit. Eher wies er bereits auf die noch ein halbes Jahrhundert entfernte Romantik hin, in der er auch wieder gebührend geschätzt wurde. 

Sein persönlicher Lebensstil blieb immer sehr asketisch und zurückgezogen, trotz seiner großen Wirkung als Prediger und Seelenführer blieb er immer seinen Erweckungserlebnissen und vor allem seiner Lebenshingabe vom Abend dees Gründonnerstags 1724 treu:
 

"Meinem Jesu! Ich verschreibe mich dir, meinem einzigen Heylande und Bräutigam Christo Jesu, zu deinem völligen und ewigen Eigenthum. Nicht mein, sondern dein Wille geschehe; befehele, herrsche und regiere in mir! Ich gebe dir Vollmacht über mich! Siehe, da hast du mich gantz, süßer Seelenfreund, in keuscher jungfräulicher Liebe dir stets anzuhangen."
 

Nachdem Tersteegen bereits mitten in Mülheim wie ein Einsiedler gelebt hatte, begründet er mit einem Freund und Schüler eine Bruderschaft des gemeinsamen Lebens, die er bald erweiterte. Die schlussendlich acht Brüder lebten ehelos zusammen, aßen gemeinsam, bestritten ihren Lebensunterhalt mit Handarbeit, verrichteten gemeinsam morgens und abends das Gebet und waren diakonisch tätig. Zudem hatte Tersteegen der Gemeinschaft eine Regel geschrieben, die selbige als „Wohnung Gottes“ beschreibt, in der Christus der „Aufseher und Vorsteher“ war; an erster Stelle stand die „Übung des wahren Gebets“. Diese klosterähnliche Gemeinschaft war auf protestantischem Boden schlechterdings einzigartig.

 

 

Leben und Wirken

Am 25. November 1697 wurde Gerhard Tersteegen in Moers geboren. Tersteegen, der aus einem von reformierter Frömmigkeit geprägtem Elternhaus stammte, verlor seinen Vater im Alter von sechs Jahren. Besuch der Lateinschule von Moers, wo er auch Griechisch und Hebräisch kennen lernte. Obwohl er ein begabter Schüler war - er beherrschte sechs Sprachen -, konnte er aus Armut nicht studieren, sondern mußte 1713 zu seinem Schwager nach Mülheim in die kaufmännische Lehre. 

Aus diesem ungeliebten Beruf stieg er - menschenscheu wie er damals war - bereits 1719 aus und lebte seitdem zurückgezogen und ärmlich wie ein Eremit. Als Bandweber in Heimarbeit hatte er jetzt Zeit, sich mit seinen geliebten Büchern zu beschäftigen und verfügte später als Autodidakt über eine erstaunliche geistesgeschichtliche Bildung.

Nach einer Zeit intensiver geistiger und religiöser Suche wurde Tersteegen als Prediger, Seelsorger, Schriftsteller und Mystiker zu einem der herausragendsten Vertreter des Pietismus im 18. Jahrhundert. Seit 1728 wirkte er als Prediger in der protestantischen Erweckungsbewegung und verfaßte zahlreiche Schriften. Tersteegen war einer der bekanntesten Dichter von Kirchenliedern (z.B. "Ich bete an die Macht der Liebe"). Er übersetzte auch Texte katholischer Mystiker, wie von Teresa von Ávila.

Gerhard Tersteegen starb am 3. April 1769 in Mülheim an der Ruhr.

 

Wunderbarer König 

(Joachim Neander 1680)

 

O du meine Seele,
singe fröhlich, singe,
singe deine Glaubenslieder;
was den Odem holet, 
jauchze, preise, klinge!
Wirf dich in den Staub darnieder!

      Er ist Gott
      Zebaoth,
er ist nur zu loben
hier und ewig droben. 

 

Gerhard Tersteegen übernahm von Joachim Neander nicht nur Versmaß und Melodie (!), sondern auch den wichtigen Bezug zu Jesaja 6,1-4: Der Herr auf einem hohen Thron, sechsflügelige Serafim und die Huldigung: "Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt."