Arnold Böcklin - Die Toteninsel III 

 
Böcklin - Toteninsel III
Alfred Böcklin - die Toteninsel III (1883), Öl auf Holz, 80 mal 150 cm
 
 
 

Es gibt Künstler, denen ein (einziges) Bild gelungen ist, das den Nerv der Zeit und den Geist einer Epoche widergibt. So "Der Schrei" von Edvard Munch und etwas früher "Die Toteninsel" von Arnold Böcklin. Suggestive Bilder, die sich unvergesslich einprägen! Dieses Bild  lädt zu Stille ein, jedes Wort würde stören, nicht einmal der letzte Ruderschlag vor dem endgültigen Ziel ist zu hören. Jede Bewegung erstarrt.

 

Statisch und zugleich fesselnd, waagrecht und senkrecht in ruhiger Symmetrie und Harmonie, melancholisch und unheimlich wie ein traumhaftes Bühnenbild wirkt die Komposition. Einfach das Sujet - aus dem dunklen Meer ragt eine Felseninsel in den verhangenen Himmel. Zypressen erinnern an Tod und Trauer, an die Ferne und an den Süden - suggerieren klassisches Altertum. Ein Boot steuert auf eine kleine Bucht zu, Stufen und Mauerwerk sind mit dem Felsen verschmolzen. Im Boot eine Frau als Ruderin, eine entrückte weiße Gestalt und ein bekränzter Sarg in Querposition zum Nachen. Der Schatten der weißen jenseitigen Gestalt fällt auf den schneeweißen Sarg, Leben und Tod im blumengeschmückten Bahrtuch vereint, Diesseits und Jenseits - und zur Mitte des Bildes zeigend, sinnstiftend für die Meditation.

 
Toteninsel Böcklin

Die bizarre Felsenformation ist steil und kahl, in den Stein gemeißelte Höhlengräber flankieren konkav einen dunkel drohenden und zugleich bergenden Zypressenbestand  in der Mitte des Bildes. Das Wasser ist ruhig und spiegelt die rotbraunen Felsengebilde wider, mit dem gleichfarbig dunklen Himmel umschließt es absolut die stille Grabesinsel. Einige Gräber sind offenbar frisch gemauert - da knüpft jemand an eine archaische Tradition an. Der Maler hat sogar seine eigenen Initialen AB (Arnold Böcklin) auf die verlassenste der Grabkammern gemalt. Beachtlich ist die Akzentsetzung durch den auslaufenden Kahn - die Spitze zeigt unerbittlich sicher in die Mitte. Diese ist jedoch dunkel und leer, die Aussage über den Tod für Menschen, denen da nur noch schicksalshafte Dunkelheit und Zerfall in dunkeln Höhlen
übrig bleibt bzw. bevorsteht.

 

Ein Meisterwerk der Komposition: horizontal und vertikal, Nähe und Weite. Die tief angesetzte Horizontlinie sowie der sich wegwärts bewegende Kahn geben dem Bild Tiefe, die Felsen und Zypressen aber Höhe. Und dann die Farben! Das Meer und der Himmel in düsterem Schwarz bis Dunkelblau und im Himmel verwittert, alle Farben irden natürlich und mit beeindruckenden Weißtupfern, ruhig und tief das Meer und weinend und schluchzend der Himmel.
 
 

Symbolismus - Götterdämmerung

 

Als 1914 der 1. Weltkrieg ausbrach, erwarteten sich viele Intellektuelle gerade aus Künstlerkreise eine "Säuberung und Reinigung"Europas. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wuchs in allen Gesellschaftsschichten eine Überzeugung, dass eine Epoche endgültig zu Ende ging.

 

Es triumphierten die neuen Naturwissenschaften und die Technik, neue Wissenschaften wie Psychologie und Soziologie hatten das Sagen. Die neue Industrie und die Gewerbefreiheit veränderten die Sozialstrukturen. Charles Darwin, Sigmund Freud und Friedrich Nietzsche wiesen neue revolutionäre Wege und in der Kunst brachte der Impressionismus einen totalen Paradigmenwechsel. 

 

Es gab Angst neben elitärem Stolz, Weltschmerz neben Frivolität, ein Gefühl der Ohnmacht neben revolutionärem Einsatz nach rechts und links. Die machthabende Politik und die Kirchen erkannten nicht die Zeichen der Zeit und wurden schwer bestraft. Der Ausbruch des Weltkrieges beendete mit einem Schlag diese teilweise morbide und dekadente Geisteshaltung, allerdings auch den unglaublich kreativen Aufbruch der freien Künste jener Jahre. 

 

Im sogenannten Symbolismus jener Zeit trafen sich Künstler, die noch aus der akademischen Tradition kamen, denen aber der realistische Naturalismus zu wenig Tiefgang und Geistigkeit aufwies und der Romantizismus zu übersteigert und wirklichkeitsfern war. Sie schlossen sich auch in keiner Weise der aufblühenden Klassischen Moderne an, sondern übernahmen die überkommenen Inhalte und Formen mit einer neuen Sichtweise. 

 

Es ging den Symbolisten nicht mehr um konkrete Themen, Aussagen oder Inhalte, sondern um symbolhafte Andeutungen, um mythische und religiöse Allegorien, um Traum und Ekstase, um Tugend und Reinheit doch auch genauso um Leidenschaft und Tod, um Phantasie und psychologisierende Darstellung. Der Symbolismus war weniger eine konkrete Stoßrichtung entschlossener und richtungweisender Künstler, eher übte er als allgemeine Bewegung metierübergreifend einen großen geistigen Einfluss auf die gesamte Gesellschaft aus. Die Ahnungen von Götterdämmerung und Untergang, von Tod und Not wurden ab 1914 leider in ungeahntem Ausmaß wahr. 

 
 

Böcklin Villa am See
Ein frühes, noch sehr romantisches Bild von Böcklin: Die Villa am See (1878)