Hieronymus Bosch (1450 - 1516)

 
Hieronymus Bosch - Der Heuwagen
Hieronymus Bosch, Der Heuwagen (1510/16)
 

In niederländischen Sprichwörtern ist öfters von einem Heuwagen die Rede, um den sich alle raufen. Ob Papst oder Kaiser, Bauer oder Bürger, Mönch oder Bettelmann: alle ziehen und zupfen, schöpfen und schaufeln von der goldenen Nichtigkeit des Heues. Alle betrügen und werden betrogen, stehlen und raufen und morden sogar! Hieronymus Bosch malt dies mit sichtlichem Genuss, eher belustigt denn tragisch, und wenn das Bild hörbar wäre, da wäre ein Schreien und Kreischen, ein Pfeifen und Röcheln - schade, dass es damals noch kein Kino und kein Fernsehen gab!

Auffallend wie Hieronymus Bosch hier in einem seiner letzten Bilder sehr realistisch wird, nicht mehr in skurrilen Symbolen die schrecklichsten Dinge darstellt. Hals abschneiden und zustechen, erwürgen und unter die Räder kommen - so ist es! Aus dem Bild kann man keine Moral herauslesen, was hier gezeigt wird, geschieht immer und überall. Allerdings fährt in dem ganzen Triptychon des Bildes der Heuwagen geradewegs rechts in eine Hölle, in der der Maler dort am meisten Phantasie entwickelt, wo es am grausamsten zugeht. 

Lust und Grauen zusammen, das war damals und zu allen Zeiten in und ok. Und Hand aufs Herz: sind TV und Kino, Printerzeugnisse und Internet heute so viel anders? Und die simple Feststellung und Botschaft, dass alle von glitzerndem Gold fasziniert sind, auch wenn es nur Heu und Stroh ist, gilt das im Kapitalismus und Liberalismus nicht genauso? Gold und Geld regieren die Welt, ob jemand hoch zu Ross daherkommt oder gerädert wird.


Hieronymus Bosch - Christophorus
Hieronymus Bosch
Christophorus mit dem Jesuskind

 

Die Hauptgruppe Christophorus und Kind ist schon mit dem großen Fisch am Stock relativiert. Was die Szenen im Hintergrund bedeuten, links ein abenteuerlich Gehenkter, rechts Phantasiewelten usw., ist charakteristisch für den Maler Bosch, aber die vielleicht zu seiner Zeit erkennbaren Chiffren sind heute nicht mehr zu deuten.

 

Typisch in diesem Bild ist die schöne Land-schaftsmalerei. Bosch soll sich länger in Italien aufgehalten haben, wo er das Sfumato und die Perspektive der Landschaftsmalerei beobachten und bewundern konnte. Die Landschaftsmalerei wird in den Niederlanden eine hohe Blüte erleben.

 

 

 

 

 

Hieronymus Bosch - Der TodHieronymus Bosch - Der Tod.
 Aus "Die 7 Todsünden und die 4 Letzten Dinge"

 

Die Überschrift „Tod“ zeugt schon von der inneren Einstellung: ANGST! Der Sterbende blass wie ein Geist, passiv ausgeliefert, fast schon aufgebahrt, Sanitätsstuhl und Leibschüssel, eine lange Kerze soll seine Rettung sein.

Rund herum fremde Leute: Pfarrer und Mesner, Mönch und Nonne, der Arzt, fromme Gegenstände – ein erstarrter Ritus als letzte Ölung. Keine Verwandten, kein Mitgefühl, nur Angst vor Teufel und Hölle – Gottes Barmherzigkeit müsste man selber verdienen, erwirken, zahlen.

Der Tod kommt durch die Wand, oben streiten Schutzengel und Teufel um die Seele. Alles deutet nach oben, Gebete, Kerze, Öl und Kreuz (für Ablässe...).

 

Wo ein Oben, da gibt es aber auch ein Unten!
Angst vor den Letzten Dingen, vor Teufel und Hölle.

Heute: Was da im Bild geschieht und wer da ist, das gibt es nicht mehr, es ist aus dem Bild herausgefallen. Statt der Angst vor Gericht und Hölle nach dem Tod blieb aber bis heute die Angst, was vor dem Tod geschehen könnte: Schmerzen und Abhängigkeit, Verlust der Würde und Selbstbestimmung, Rücksicht und schwierige Umstände für die engsten Verwandten usw.

Heute sagen die Leute nicht mehr: „Es geht bald nach oben“, sondern „Es geht bald ins Jenseits.“ Deshalb gibt es kaum mehr Ängste vor dem, was da unten sein könnte, dafür aber viel Leid und Widerstand gegen das Loslassen, das Abschiednehmen vom Diesseits. Und wenn schon – dann sollte es schnell gehen, ein Schlaganfall im Schlafen und weg, das wäre ein schöner Tod.

Ein schöner Tod könnte es sein, wenn der Sterbende als Mensch in den Mittelpunkt rückt. Der Arzt und die Krankenschwester helfen bei Schmerzen und jeder Unpässlichkeit. Seine liebsten Verwandten sind da und halten ihm die Hand, eine wohltuende letzte Intimität umgibt ihn. Der Priester spricht ihm Trost und Segen zu, alle achten auf die notwendige Stille und Rücksicht. In Würde Abschied nehmen statt Angst, Hilfe und Begleitung auch der Angehörigen, vor allem nicht allein lassen – schöner Tod.

Die Wirklichkeit kann auch anders aussehen. Trotz ärztlicher und pflegerischer Hilfe bleiben Kranke oft allein, als Priester wusste ich, was es im Krankenhaus bedeutete, wenn gesagt wurde: „Der Kranke ist recht unruhig, er ist auf ein Zimmer allein verlegt worden…“ Wenn auch die Verwandten fehlen, stirbt dann der Mensch hygienisch und ärztlich versorgt, aber allein. Und das ist kein schöner Tod.

Für mich gab das schönste Beispiel ein einfacher italienischer Maurer, den ich nach dem Tod seiner Frau besuchte. Es war Sonntagabend, Sohn und Tochter waren nach Hause gegangen. Da sagte die Frau: „Mettimi dritte le gambe, fammi ancora una volta bella (Leg mich gerade hin, mach mich noch einmal schön)." Dann saß er still bei ihr, Hand in Hand, in beredtem Schweigen. Das Atmen fiel ihr schwer (Herzprobleme) – da sagte sie ruhig: „Grazie di tutto, scusa di tutto, ci rivedremo (Danke für alles, entschuldige alles, wir werden uns wiedersehen)!“ Der Atem blieb ihr aus, sie war gestorben. Ein schöner Tod.

Vom Maler Hieronymus van Aken (von Aachen), der sich später nach seiner Künstlerstadt Den Bosch kurz "Bosch" nannte, wissen wir sehr wenig. Etwa 20 Werke von ihm sind erhalten - diese aber sind ihrer Originalität wegen bis heute allbekannt. Er hat in der Werkstatt seines Vaters gemalt, hat eine reiche Frau geheiratet und zählte in seiner Stadt, die keinen Fürsten und keinen Bischof hatte, zu den Vornehmen und Geachteten der Gesellschaft. Seine Bilder brachten ihn zu Ruhm und Wohlstand, so hing im Schlafgemach von König Philipp II. von Spanien im Escorial das große Bild "Die sieben Todsünden und die Vier Letzten Dinge". 

Hieronymus Bosch hat originell lebendige Auftragsbilder für kirchliche Orte geschaffen, vor allem Altarbilder, oft in der Form des Triptychons. Viele dieser Aufträge waren aber weniger für die Öffentlichkeit gedacht, sondern eher der privaten Andacht, der betrachtenden Versenkung in die Leiden der sündhaften Menschheit, der Falschheit der Welt und der ewigen Güte Gottes. Bei diesen Bildern fällt einem sicher die Divina Commedia von Dante Alighieri ein oder der Surrealismus der Klassischen Moderne. Wir bewundern die Kühnheit und ausgelassene Phantasie des Künstlers, wir suchen in den ineinander übergehenden und wuchernden Bildern nach Einzelheiten und deren rätselhafte Deutung.