Caspar David Friedrich - Mönch am Meer  


Caspar David Friedrich Mönch am Meer

"Der Mönch am Meer" - Caspar David Friedrich (1810)
 

Ein erstaunliches Bild aus dem Beginn der Romantik, als noch niemand von der "Moderne" sprach: Der Mensch steht vor dem Rätsel des Kosmos. Nicht mehr Schöpfung Gottes, nicht mehr uns umgebendes Weltall, nicht mehr zu erforschende Natur, sondern bedrohende Wirklichkeit spricht aus diesem Bild.

 

Auf losem Grund von Sanddünen steht ein Mensch - ein Mönch in Gedanken. Er tut nichts, sondern nachdenklich setzt er ein Bein vor das andere. Und übrigens verschmilzt er fast mit der Umgebung. Vor ihm ein dunkel gefährliches Meer, ein vom Horizont aufwärts schwarzer Himmel mit einer leichten Erhellung in der Höhe. Der Mönch steht nicht in der Mitte des Bildes, auch hat das Bild keine Grenze nach linkas oder rechts, nach unten oder oben. Kein Weg im Treibsand der Küste, über dem dunklen Meer fliegen einige Möven mit hellen Flügeln. Sie fliegen von unten links nach oben rechts, also eine gute Richtung! Die Farben verhalten, vom Rotbraun des Strandes über das tief dunkle Meer bis hin zu einem nachtblauen Himmel, der sich nach obenhin aufhellt. Ein Bild auf einer hohen Meditationsebene.

 

Das Bild ist seltsam leer, der unendliche Raum lebt und schwingt in einer seltsamen Erregung. Angst und Staunen ruft er hervor, ein starkes Gefühl trotz mangelnder Bewegung und Aktion. Der Mönch hat sich weit vorgewagt, fast zu weit in dem Weltall mit den Urelementen Erde, Wasser, Luft und Licht. Der Strand steht konvex offen zum finsteren Horizont, das Helle droht nach oben zu entschwinden. Der Mönch hat sein festes Fundament und seinen Weg verloren - wird ihn der Blick nach oben retten? Die Bedrohung durch das schwarze Wasser, die Zone des Todes mit dem Hades, der Scheòl, der "Hölle" und Unterwelt - wird der Mönch doch noch zum Licht gelangen? Und wenn sich Licht und Finsternis im Augenblick auch noch im Gleichgewicht halten, wird sich in Zukunft ein neuer Weg auftun? Wohin?


 

1810 wurde "der Mönch am Meer" gemalt - 1910 "Der Schrei" von Edvard Munch. Es ist dies eine der möglichen Interpretationen des 19. Jahrhunderts, das in die Moderne des 20. Jahrhunderts führte. Und welches ist das Bild von 2010 - für das 21. Jahrhundert? Die Wahl ist noch offen, Bildbetrachtung in die Vergangenheit ist leichter als in die Zukunft. Von der Brücke des Schrei's aus nach rückwärts gesehen scheinen sich alle Wege zu vereinen, aber nach vorwärts gehen sie wieder auseinander. Ein anderer Mönch als der im Bild, der Gründer der Kartäuser Bruno von Köln (1084), hat seinem Orden den Grundsatz gegeben: "Stat Crux dum volvitur orbis" (Fest steht das Kreuz, auch wenn es im Weltkreis drunter und drüber geht).

 

 

"Der Schrei" von Edvard Munch (1910)

 
 

Munch Edvard - der SchreiUm die Wende zum 20. Jahrhundert hat sich Edvard Munch immer wieder an diesem Sujet "Der Schrei" versucht. Es gibt kein anderes Bild, das so erlitten und erkämpft wurde und das den Kulturpessimismus jener Zeit um 1910 so auf den Punkt bringt. Angst und Wahnsinn! Besonders die schwarz-weiße „Holzschnitt“-Version bringt es ungeschminkt: „Hilfe!“  Oder ist es schon zu spät?

 

In einer unwirklichen Umwelt steht im Vordergrund auf einer großen, schräg links oben aus dem Bild führenden Brücke eine Gestalt, die Hände an die Ohren gepresst, die lidlosen Augen weit aufgerissen, den Mund weit offen, die Wangen eingefallen. Der haarlose Kopf ist niemandem zuzuordnen, nicht Mann oder Frau, nicht jung oder alt. Es ist der „Jedermann“, der da für alle Menschen seiner Zeit schreit, ohne Hoffnung, dass der Schrei noch gehört wird.

 

Die Holzbrücke teilt das Bild in der Diagonale von unten rechts nach links oben hinauf. Sie ist vorne und hinten voll angeschnitten und führt nirgendwohin. Schreit der Mensch, weil die Brücke nicht hält und zusammenbrechen wird? Doch diese scheint fest gebaut und ist in Ordnung. Schreit er, weil er den zwei Gestalten mit Hüten (hohes Standessymbol!) begegnet ist – oder diese noch auf ihn zugehen könnten, denn man sieht eigentlich nur ihre Silhouetten? Die Katastrophe, der Tod? Der Schrei wird durch die ganze Umwelt verstärkt, alles ist schreiend dargestellt, Himmel Erde Meer ist ein einziger Schrei. Auch der Himmel brennt! Die Grundbefindlichkeit, die Geburtswehen der technischen Entwicklung und der fehlenden geistigen Bewältigung der Moderne um 1900 werden hier zum Ausdruck gebracht.

 

Obwohl in der gemalten Umgebung der Brücke nichts Auffälliges geschieht, obwohl im oberen linken Bildabschnitt auf einem scheinbar friedlichen See idyllisch Segelschiffchen schaukeln, breiten sich die Schallwellen des Schreies überall aus, vor allem nach vorne zum Betrachter hin. Der Schrei trifft uns direkt und total, prägt sich in uns Ohr und Bewusstsein ein – so etwas vergisst man nie mehr. Vielleicht ist dies der Hauptgrund, dass dieses Bild einen fast unglaublichen Bekanntheitsgrad erreicht hat.

 

Der Künstler hat sich seit 1890 immer wieder an diesem Sujet versucht. Dabei aber wurde die Abgründigkeit dieses neurotisches Schreies nie abgemildert, nie thematisiert oder therapiert. Auch die Schlucht unter der Brücke, die Landschaft um den See und dieser selber, die gespenstischen zwei Figuren erfuhren nie eine Deutung. Wir können nur sagen, dieses Bild ist keine Landschaftsmalerei, sondern das ganze Bild ist selber ein einziger Schrei des Entsetzens. Hier gibt es keine Furcht vor etwas, sondern namenlose Angst vor allem.  Es ist die bedrückende, krankhafte, verzweifelte Situation einer verlorenen, zerstörten Welt. Eine Welt, aus der es kein Entrinnen gibt. Hier wird kein Schrei dargestellt und zelebriert, hier schreit alles und jedes!