Marc Chagall - der Grüne Geiger

"Harlekin - spiel mir ein Lied!"

 

Chagall - Grüner Geiger     Marc Chagall -
     Der grüne Geiger (1924)
         


 

    Meditation -
    mein Protokoll

 

     Ich schließe meine Augen

     „Du stolzer,

     lebensfroher

     Geiger von Witebsk,    

     spielst du mir  d e i n  Lied?

     Ich höre dich,

     ich höre dir zu!

     Oder spielst du  m e i n  Lied, 

     meine Sehnsucht,

     meine Freude

     und mein Leid?


     Mein Lied ist das deine,

     ich bin eins

     mit deinem Spiel

     und deinem Bildnis.

     Ich bin gefangen

     und befreit

     durch Farbe,

     Poesie und Musik.“

 

 

Beschreibung und Deutung

 

Wenn wir mit den Augen und eventuell mit dem Finger das Bild nachzeichnen, entdecken wir drei Bereiche: in der Mitte groß der Geigenspieler, oben und unten Szenen aus Witebsk. Oben links ein Blockhaus mit bäuerlicher Szene hinter dem Haus – die reicher gestalteten Fenster deuten auf Wohlstand hin. Der Palisadenzaun ist ein Wiedererkennungselement des Malers, dahinter ahnen wir häusliche Szenen. Noch ziehen rundliche Wolkenhaufen ungefährlich am verhangenen Himmel dahin. Darüber der fliegende Künstler aus einem Traumbild, Chagall selbst mit seinem Wunsch „höher hinauf“ und „weit in die Ferne“. Das Violett als Mischfarbe von Blau (Himmel, Sehnsucht Geist) und Rot (Feuer, Blut, Herz) umhüllt den Geiger und färbt noch ab auf das Dach des Blockhauses und die fliegende Figur über den Dächern. Mit welcher Sehnsucht möchte eine Gestalt an der Hauswand fliegen, sie reckt die Hände in die Höhe und hebt bereits vom Boden ab.

 

Unten zwei Häuser und eine kleine othodoxe Kirche mit Kuppel und aufgesetzter Laterne. Seine jüdische Herkunft und seine prägenden Kindheitserinnerungen an die orthodoxe Kirche haben den Maler nie verlassen, obwohl er sich in seinem tiefen religiösen Gefühl den Religionsgemeinschaften gegenüber eher als frei betrachtete. Der sitzende Harlekin (ein Fuß seines vom Mantel verdeckten Stuhles steht schwer auf dem linken Hausdach) nimmt sozusagen Besitz von diesem Milieu, das er erweitern, befreien, erhöhen möchte. Die tänzelnd auf die Häuser gesetzten Schuhe sind schwarz und beige, die Beinkleider bunt und lebendig – dies und die fliegenden Mantelzipfel tragen zum Schwingen des ganzen Bildes bei.

 

Ein haushohes Fabeltier hört dem Geigenspiel verständnisvoll zu. Rechts hinter dem Hauszaun ein winterkahler Baum,  auf dem Baum der Hahn, am Baum die vergessene Leiter. Diese ist für Chagall eine Chiffre, nämlich die Jakobs- oder Himmelsleiter bis in den offenen Himmel, die Freiheit, Rettung und Hoffnung verspricht. In der Mitte links im Bild ein junger Mann mit violetter Mütze, vielleicht der Bettelknabe, der den Meister mit dem dargebotenen Instrument zum Spielen ersucht - oder ist es der gute Geist des Spielers, sozusagen seine Muse?

 

Groß sitzt der Geiger auf dem Stuhlrand, durch die Bedeutungs-perspektive alles überragend, allem Sinn gebend. Sonst gibt es keine in die Tiefe oder über den Rand hinausgehende Perspektive im Bild, das Geschehen im Hintergrund ist eher nur angedeutet und nebeneinander gestellt. Der Mantel zeigt vor allem links geometrische Figuren, wie in den Häusern ist die Seitenansicht angedeutet; Chagall begegnet in jener Zeit dem Kubismus (aber noch nicht Picasso!). Der herrliche Mantel über dem beige angedeuteten Wams ist ein Symbol der künstlerischen Begabung des Fiedlers. Dies drückt auch die hohe Mütze auf dem Kopf aus, die weder eine Narrenkappe noch der Hörnerhut des Harlekins ist, sondern dem Träger eine besondere Weihe gibt.

 

Die beiden linkischen Hände halten Geige und Bogen falsch oder überhaupt nicht, da nützt wohl auch lernen und üben wenig, Es spielt aber das Herz des Künstlers, gnadenhaft befähigt, und das Spiel der Geige ist vollendet! Die Geige singt und schwingt, das Spiel geht über in den Tanz des Harlekins und überträgt sich wohltuend auf das ganze Bild und auf uns. Dies ist die Mitte der Meditation – das Lied des Harlekins hören! Die Geige ist rot und gelb, Feuer und Gold. Bereits zehn Jahre früher hatte Chagall einen Fiedler gemalt – seine Geige war noch deutlicher gelb und rot.

 

Und nun zum Schluss die Überraschung, die uns schon lange aufgefallen ist: Hand und Kopf des Geigers sind grün, fast giftig grün. Ist es eine Maske, die den Geiger versteckt? Da ist nicht nur Natur und Leben ausgedrückt. Wir sagen „du Grünling“, oder „sich grün und blau ärgern“. Der einfachste Eindruck: dies kann und soll so nicht bleiben, durch das Spiel des Geigers wird das Grün entgiftet, wird neues Leben geschenkt. Kunst ist wahr und schön und erhält gesund. Kunst heilt. Sie ist das größte göttliche Geschenk!

 

Der Fiedler vom Dorf

 

Marc Chagall hat in seinem Schaffen aus drei Quellen geschöpft: 

  1. seine Heimatstadt Witebsk in Weißrussland, 
  2. die Bibel aus jüdischer Sicht – 
  3. und der Zirkus als Theater des Lebens. 

Das spontane und elementare Lebensgefühl des Harlekin, seine Unbeschwertheit, seine Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis erlaubten ihm, in Symbolen ernste Aussagen zur Welt und zum Leben zu machen.

Schon 1912 hat er einen "Grünen Geiger" gemalt, mit Witebsk als Kulisse, damals noch eher rau und nicht so verspielt in seiner Aussage wie 1924. Oft hat Chagall auf seinen Bildern den Fiedler dargestellt mit verschiedenen Aussagen, ein Geigenspiel, das der Künstler allein in seinem Inneren gehört hat. 

Der Geiger kam im chassidischen Milieu vor an den Knotenpunkten der Gesellschaft und des alltäglichen Lebens. Die Stadt Witebsk hat ihm in seinem geliebten Heimatstädtchen eine Bronzestatue verehrt - das Geigenspiel des Harlekins.

 


Chagall - Fiedler auf dem Dach 1912Marc Chagall, Fiedler (1912!)


Der Maler der Bibel:
Marc Chagall im Selbstzeugnis

„Von meiner Kindheit an hat mich die Bibel mit Visionen über die Bestimmung der Welt erfüllt ... In Zeiten des Zweifelns haben ihre Größe und ihre hohe dichterische Weisheit mich getröstet. Sie ist für mich wie eine zweite Natur.“
"Seit meiner Jugend hat mich die Bibel gefesselt. Sie erschien mir immer und erscheint mir auch heute noch als die größte Quelle der Poesie aller Zeiten. Stets habe ich ihre Spiegelung im Leben und in der Kunst gesucht. Die Bibel ist der Widerhall der Natur, und dieses Geheimnis habe ich weiterzugeben versucht."

"Dieses Buch ist Geschichte", sagte Chagall, "und gleichzeitig auch ein Roman. An manchen Stellen ist es reine Poesie. Es ist eine Tragödie, aber oft auch sehr komisch".

"Wenn nur Farbe da ist. Und Poesie. Der Höhepunkt der Poesie ist für mich die Bibel."

„Ich kam nach Palästina, um gewisse Vorstellungen zu überprüfen, ohne Fotoapparat, sogar ohne Pinsel. Keine Dokumente, keine Touristeneindrücke, und trotzdem bin ich froh, dort gewesen zu sein. Von weit her strömen sie zur Klagemauer, bärtige Juden in gelben, blauen, roten Gewändern und mit Pelzmützen. Nirgendwo sieht man so viel Verzweiflung und so viel Freude; nirgendwo ist man so erschüttert und so glücklich zugleich beim Anblick dieses tausendjährigen Haufens von Steinen und Staub in Jerusalem, in Sefad, auf den Bergen, wo Propheten über Propheten begraben liegen