Russische Klöster: Sergijew Possad


Im Jahr 1380 segnete der heilige Sergius von Radonesh die Truppen des Großfürsten Dimitrij Donskoi, der auszog und die tatarisch-mongolische Goldene Horde auf dem Schnepfenfeld vernichtend schlug. Dies war der Beginn eines neuen freien Russland, das nun in Moskau eine neue Hauptstadt und ein neues politisches und kulturelles Zetrum bekam. Die unendlichen dichten Wälder im Süden boten Schutz gegen die feindlichen Reiterhorden. 1480 befreite sich Russland nach über 300 Jahren endgültig vom mongolischen Joch, und von nun an setzte sich Moskau als Hauptstadt durch und sammelte mit der Zeit ein geeintes, unendlich großes Reich, das allen Russen Heimat bot.

Über dem Grab des heiligen Sergius erstand ein großes Kloster, das nach Norden hin mit über 30 Neugründungen ausstrahlte. Die bedeutenden Zaren Iwan der Schreckliche (+ 1584) und Peter der Große (+ 1725) richteten das Kloster als damals uneinnehmbare Festung ein. Viele Klöster in Russland sind so gebaut, dass in Kriegszeiten Soldaten die Mönche ersetzen und die Bastion verteidigen. So wurde das Kloster Sergiev Possad mit seinen 3 m dicken und 6 m hohen Mauern ab 1608 von etwa 3000 Verteidigern über 16 lange Monate gegen die 10fach zahlreicheren polnisch-litauischen Angreifer verteidigt - heute noch ein Heldenmythos für alle Russen.

 


Sergijew Possad Kloster
Dreifaltigkeitskloster Sergijew Possad - Ansicht aus der Ferne
 

 

Klöster in Russland
Heiliger Brunnen vor der Dreieinigkeitskathedrale

Acht Kirchen gibt es innerhalb der Klostermauern,
den Metropoliten- und den ehemaligen Zarenpalast,
den 80 m hohen Glockenturm,
eine Krankenabteilung,

Theologische Fakultät, Ikonenmalen und Kirchengesang
Schul- und Studentenräume usw.,
Museum und Denkmalschutzzentrum
Gärten und Parks, Geschäfte und Restauration

und in  den Glanzzeiten gehörten
600 ganze Dörfer mit Leibeigenen zum "Krummstab"  (Patriarchenkreuz)
 


Heute wohnen etwa 200 Mönche in dem mustergültig restaurierten Kloster. Darin befinden sich heute die Moskauer Geistliche Akademie (Theologie-Universität) und das Moskauer Theologische Seminar sowie ein reichhaltiges Museum und ein Denkmalschutzreservat. Für einige hundert Studentinnen und Studenten gibt es neben dem Theologiestudium eine Ikonenmalschule sowie eine Gesangsakademie.

eine Art Nachschlagewerk über die Geschichte der russischen Baukunst, ein Freilichtmuseum, eine erstaunliche und heilige Stätte, in der Russlands Seele fortlebt.

Das Architektur-Ensemble des Klosters der Dreifaltigkeit und des heiligen Sergius wurde 1993 in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen.

Einzigartig auch - das Kloster ist täglich von 5 bis 21 Uhr geöffnet, an wichtigsten kirchlichen Feiertagen sowie am Gedenktag des Heiligen Sergius rund um die Uhr. Es ist eine Art Nachschlagewerk über die Geschichte der russischen Baukunst, ein Freilichtmuseum, eine erstaunliche und heilige Stätte, in der Russlands Seele fortlebt, ein großes Volk sein Herz schlagen spürt.

 

Was auffällt und zum Nachdenken bringt

 

Klöster – eine Botschaft für gläubige Menschen.
Die Römer verstanden es meisterhaft, ihre in der damaligen Welt überragende Ingenieurkunst durch großartige Bauten den unterworfenen Völkern vor Augen zu stellen. Straßen, Wasserleitungen, Theater, Thermen, Stadtmauern mit imposanten Toren usw. Auch Burgen und Schlösser, ja sogar Domkirchen erfüllen diesen Zweck – und in einer stillen, eindringlichen Sprache die Klöster. Ein einfaches Kapuzinerkloster verspricht den Leuten: „Wir sind für euch da, wir beten für euch!“ Die großen Klöster aber verkünden Gottes Reich und Größe, Glocken und Chorgesang erschallen zum Lob Gottes, sogar sozial und wirtschaftlich wird Einsatz und Fortschritt vorgezeigt. Dabei ist jeder Orden, ja jedes Kloster eine ganze Welt für sich!

 

Keine verschiedenen Orden, nur Mönche.
In der Ostkirche gibt es keine Orden, sondern einfach Mönche und Nonnen. Die große Mönchsweihe wird meist erst in der Lebensmitte vollzogen. Jedes Kloster hat durch seine Geschichte und die Klosterheiligen (vor allem die Starzen, die „Alten“, meist charismatische Seelenführer) sein besonderes Profil. Dabei gibt es neben dem großen Kloster auch kleinere „Kelloi“ (z.B. Handwerks- oder Landwirtschaftsbetriebe) und Einsiedeleien, in die Mönche sich zeitweise zurückziehen können.   

 

Gottesdienst mit allen Sinnen         .
In der Ostkirche wird in den Klöstern vor allem dem immerwährenden Gotteslob das größte Gewicht beigemessen. So beginnt ein Klosterbau, eine Klosterrenovierung mit der Vergoldung der Kuppel – danach wird nach gläubiger Auffassung Gott selber für das Notwendige sorgen! Die aktive Teilnahme am Gottesdienst geschieht durch das „Durchstehen“ der langen Feiern – Mönche und auch Männer und junge Leute stehen immer aufrecht (alte gebrechliche Mönche „sitzen“ fast in ihren Stöcken), Kreuzzeichen und Verbeugungen fördern die innere Aufmerksamkeit. Gottesdienst mit allen Sinnen, unablässig im Gesang und mit Weihrauch und Ikonen und Blumen, nach Stunden Vigilfeier salbt der Priester die Gläubigen mit Rosenöl auf die Stirn und reicht Brot mit Olivenöl, ein Fest für Aug und Ohr. Was fehlt, das ist die Predigt – denn die Verkündigung geschieht erzählend und singend durch Lied und Bild.

 

Seelische Reinigung im Kloster.
Nicht nur Fjodor Michailowitsch Dostojewski, sondern viele russische Künstler suchten immer wieder in den Klöstern geistliche Ruhe und Erneuerung. Dazu gehörte ein mehrtägiger Aufenthalt, Fasten und Beten, die Begegnung und Beichte mit einem Starez (ein "Alter", ein charismatischer Heiliger im Kloster), zum Schluss und Höhepunkt das "Durchstehen" einer vielstündigen Liturgiefeier mit Kommunionempfang. Im Dunstkreis des Klosters gereinigt, sogen die Gäste dann wieder heim, an ihr Tagewerk und ihre hoch idealistischen Aufgaben.

 

Humor in Klöstern.
Die russischen Weltpriester können vor der Priesterweihe heiraten – nachher nicht mehr (problematische Auslegung der Paulusbriefe). In Sergijew Possad sah ich Priesterkandidaten in schwarzem Talar mit netten Mädchen im Arm. Ich fragte einen Mönch, der nur lächelte: „Gott meint es gut mit den Menschen. Wir haben hier im Kloster über 100 Priesterstudenten, aber wir haben auch große Schulen für Ikonenmalerei und Kirchengesang mit vielen, schönen Mädchen …“ Da übrigens die Bischöfe und Patriarchen nicht verheiratet sein dürfen, stammen sie fast ausnahmslos aus den Klöstern – deshalb und wegen ihrer spirituellen und kulturellen Führungsrolle sind Klöster in der Ostkirche viel stärker in das kirchliche Leben eingebunden als im Westen.

 

Das Solowezki-Kloster im Weißen Meer 

im äußersten Norden (160 km südlich des Polarkreises)

Solowezki Kloster Nordrussland

 

Dieses blühende Kloster wurde vor allem berüchtigt, als es durch Lenin bald nach der Machtergreifung durch die Sowjets als Arbeitslager eingerichtet wurde. Es wurde zur Musterkolonie für den berüchtigten Gulag, in dem ungezählte Tausende meist unschuldige Menschen durch Hunger, Folter, Arbeit und Siechtum zu Tode kamen. Das „Solowezki-Lager zur besonderen Verwendung“ war vor allem für sogenannte sogenannte Klassenfeinde bestimmt, also für Priester und Mönche, Parteigegner und Regimekritiker. Im Jahr 1931 beherbergte es z.B. über 71.000 Häftlinge, von denen wie in allen Jahren vorher und nachher viele durch die Strapazen geschwächt dem Typhus zum Opfer fielen oder dem direkten Terror ausgeliefert waren.

Heute ist das Kloster wieder von Mönchen bewohnt, doch die schauderhafte Erinnerung ist allgegenwärtig. Es muss allerdings auch erwähnt werden, dass das Kloster bereits zur Zarenzeit als Staatsgefängnis missbraucht worden war.

 

Gulag Russland
Luftaufnahme heute