Henri Matisse - Ikarus 1947


  Matisse, Ikarus mitten unter Sternen, nicht in der Sonne               

Matisse Ikarus


Meditationskern1: 

Hochmut kommt vor dem Fall.


Der Ikarus von Henri Matisse stellt nach allgemeiner Auffassung den in sein Verderben stürzenden Übermütigen dar: Verzweifelt rudert er mit den Armen, der Blick scheint angstvoll nach unten gerichtet. 

Und doch ist die Dramatik des Geschehens zurückgenommen zugunsten einer Poesie des Augenblicks: Ikarus ist eingetaucht in das bodenlose Blau der höchsten Himmelssphären, die funkelnden Sterne sind nicht über ihm, sondern umgeben ihn, als sei er ihr Spielkamerad. 

Der Übermut des ungeahnten Höhenfluges hat sein Herz zu einem leuchtend roten Fleck werden lassen. Es dürfte der Phantasie nicht schwerfallen, in diesen Meditationskern hinein zu führen: ein Hocherlebnis in der Vergänglichkeit des Lebens.

 

Meditationskern 2:  Frisch gewagt - halb gewonnen 

 

Albert Einstein hat erzählt, dass seine Mutter oft zu ihm sagte: "Du sollst glücklich werden". Als er in der Schule bei einem seiner ersten Aufsätze dies als "Wichtigstes im Leben" angab, sagte der Lehrer, Albert habe die Frage nicht verstanden. "Herr Lehrer, dann haben Sie weder etwas vom Leben noch vom Glück verstanden!"

 

Ausbildung, Beruf, gesichertes Leben, Freizeit und vor allem Gesundheit - und vielleicht als Folge Überheblichkeit, gekauftes Glück und Leben aus zweiter Hand. Die Tatsache, dass gerade Risiko und Gefahr ihre Schönheiten haben und jede Sicherheit einen Preis, das möchte in der Moderne kaum noch jemand hören. Auch Ikarus ist in der Darstellung dem Tod geweiht, sein Herz wird bald aufhören zu schlagen. Doch vorher hat es in der Begeisterung einer unerhörten Tat geglüht. Das ist mehr, als die allermeisten unter uns von sich werden sagen können. An die Sterne gerührt - und dann im Strahl der Sonne verglüht.

 

Ich denke an Eltern - sie haben sich für Heim und Familie verausgabt, doch glüht ihr Herz und es leuchtet noch aus ihren knittrigen Augen. Oder ein Sportler - sein Hobby hat ihn den Himmel berühren lassen, und zeitlebens blitzen Sonnenstrahlen aus seinen Augen. Mein Himmelsblau, meine Sterne, meine Sonne - in der Meditation erglüht mein Herz!

Die Tatsache, dass gerade Risiko und Gefahr ihre Schönheiten haben und jede Sicherheit einen Preis, das möchte in der Moderne kaum noch jemand hören.

 

 
Hero und Leander, Romeo und Julia, "Es waren zwei Königskinder"
 

Eine mythische Erzählung aus dem alten Griechenland und ein frühes Drama von Shakespeare (1597) sind in einer deutschen Volksballade enthalten (1480 erwähnt) – das Erlebnis tragischer Liebe, vollendet und im Tod versiegelt wie das rote Herz des Ikarus. Liebende Menschen – Königskinder, ganz und für immer, auf Leben und Tod! Siehe unten!

 

 

Meditationskern 3  -  Schritt für Schritt

Für mich hat sich ein ganz anderer, ein sehr persönlicher Meditationskern ergeben. Ich kenne einen noch recht jungen Mann, der mit einer körperlichen Behinderung seiner Beine leben muss. Wenn man ihn auf der Straße sah, schaute er meist aufmerksam auf den Boden und machte langsam einen schleifenden Schritt nach dem andern. Im Augenblick der größten Kraftaufwendung erhöhte er mühsam seine Schultern und ruderte etwas mit den Händen nach auswärts und vorne. Etwas Besonderes, wenn er einen sah: dann hielt er inne und richtete sich auf, und mit etwas angestrengten, aber strahlenden Augen sah er einen an - Begegnung mit einem liebesroten Herzen.

Diese Begegnung, diese eine kurze Bewegung steht mir so scharf im Sinn wie es die Begrenzungslinien des aus schwerem Papier geschnittenen Ikarus sind. Und die Überwindung überträgt sich auf mich - noch einen Schritt äh - und noch einen Schritt äh.... Und wie ein Kind mache ich noch einen Schritt für Mami, für Tati, für Helmuth, für Benedikt.... Heilsam und beruhigend, und es gibt wieder Mut und Kraft.

Noch eine Bemerkung dazu: so kann es in jeder Meditation, dass sich einem etwas ganz Neues erschließt, ein Geschenk aus der Stille. Dann nicht in falscher Demut oder als "unandächtig" ablehnen, sondern mit Dank und Freude annehmen!

 

 

Ikarus MatisseMatisse- Ikarus (Variante)

 

In dieser Variante beeindruckt die Heraushebung des Ikarus im schwarzen Streifen und die Betonung seines glühenden Herzens.

 

Er ist seinem Stern gefolgt, aber durch ein grausames Schicksal zugrunde gegangen -
so könnten wir eine Deutung versuchen.

 

Am wichtigsten aber ist, dass sein Herz lebt, dass sein junges Leben erfüllt war, weil seine Träume wahr wurden!

 

 

 

 


Deutsche Ballade,  14. Jahrhundert
 



1. Es waren zwei Königskinder,
die hatten einander so lieb,
sie konnten beisammen nicht kommen,
das Wasser war viel zu tief.

2. Ach Liebster, könntest du schwimmen,
so schwimm doch herüber zu mir!
Drei Kerzen will ich anzünden,
und die soll'n leuchten zu dir.

3. Das hört ein falsches Nönnchen,
die tat, als wenn sie schlief;
sie tät die Kerzlein auslöschen,
der Jüngling ertrank so tief.

4. Es war an ein'm Sonntagmorgen,
die Leut waren alle so froh,
nicht so die Königstochter,
ihr Augen saßen ihr zu.

10. Die Mutter ging nach der Kirche,
die Tochter hielt ihren Gang;
sie ging so lang spazieren,
bis sie den Fischer fand.

 


11. Ach Fischer, liebster Fischer,
willst du verdienen groß Lohn,
so wirf dein Netz ins Wasser
und fisch mir den Königssohn.

12. Er warf das Netz ins Wasser,
es ging bis auf den Grund;
der erste Fisch, den er fischet,
das war sich des Königs Sohn.

13. Sie fasst ihn in ihre Arme
und küsst seinen toten Mund:
Ach Mündlein, könntest du sprechen,
so wär mein jung Herz gesund.

16. Sie schwang um sich ihren Mantel
und sprang wohl in die See:
Gut Nacht, mein Vater und Mutter,
ihr seht mich nimmermehr.

17. Da hört man Glöcklein läuten,
da hört man Jammer und Not;
hier liegen zwei Königskinder,
die sind alle beide tot.