Marc Chagall - der Bundesbogen des Noach


Chagall - Bundesbogen nach Sintflut
Marc Chagall, der Bundesbogen (Nizza, Biblische Botschaft 1954 bis 1967)

 

Dieses Bild gehört zu einem Zyklus von 12 monumentalten Ölbildern Marc Chagalls mit der Über-
schrift „Biblische Botschaft“ (staatliches Chagall-Museum in Nizza). Ursprüngliche Erfahrungen des Malers und eines jeden Menschen sind darin geschildert: Geburt, Paradies, Verlust, Katastrophe. Grün beherrscht fast alle diese Bilder, doch auch weiß, golden, rot und blau ist jeweils mit einer besonderen Botschaft  eingesetzt. In der Mitte des Bildes ein großer Engel, der sofort den Blick auf sich zieht, die Flügel in den „göttlichen“ Farben rot und gold gemalt. Der Regenbogen des Bundes, den Gott nach der Sintflut in die Wolken stellte als Zeichen des Bundes, des Friedens zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Menschen.

 

Links und rechts des Bogens sind Himmel und Erde der Menschen gemalt. „Selig singen die Erlösten“ (goldfarbig) und auf der Gegenseite „Aus der Tiefe rufen wir, Herr, zu dir“ (dunkel gehalten) könnten wir den Gruppen zuschreiben. Die kosmische Weite des Bundes wird durch Tiere in Licht und Dunkel angedeutet, ebenso die Hoffnung trotz aller Not durch die Frau mit ihrem Kind am Grund der Erde. Typpisch Chagall - aus dem Hintergrund scheinen schemenhaft symbolische Gestalten in verhaltenen Farben, die jeden Moment an das Tageslicht kommen möchten.

 

Ganz rechts ist die Erschaffung des Menschen angedeutet, Adam und Eva als Liebespaar. Wieder das Tier als Hinweis auf die Schöpfung allen Lebens im Paradies. Doch hinter dieser Szene greift Eva schon nach dem Apfel, droht die Versuchung.

 

In der ganzen Zone oberhalb des Bogens hat Chagall geheimnisvolle,  schreckenerregende Zeichen gesetzt. Dies ist ein Hinweis auf die Erfahrung von Zeiten der Zerstörung. Dunkle Wolken statt Sonnenschein!  Oben rechts ist König David mit der Harfe beim Psalmengesang zu erkennen, links oben der Absturz des Menschen (Ikarus mit grünem Ziegenkopf).   Doch auch Zeichen der Hoffnung: nur angedeutet die glückverheißende Jakobsleiter, die zwei Gesetzestafeln des Mose (oben links) und die Frau mit offener, fruchtbarer Brust und mit ausgebreiteten Armen. Viermal ist diese Frau auf der linken Seite des Bildes gemalt, eher hoffnungsvoll und betend, fast wie Jesus am Kreuz könnte man meinen.

 

Bei Chagall müssen wir oft sagen: „Es ist wie …“ Denn wie in einem Traum deutet sein Malpinsel Gestalten und Geschehnisse an, die seinen Bildern eine große Tiefe und Hintergründigkeit verleihen. So sind unter dem Bogen des Bundes, der jungfräulich weiß mit großer Ausdruckskraft gemalt ist (der Mensch wird schmutzige Farben und tiefe Risse einweben!), mehrere Gestalten und Gruppen zu erkennen. Eine brennende Stadt (oder ist es der Tanz um das goldene Kalb? Oder das Opfer des Noach und der Israeliten?) mit einer fliehenden, beschwörenden Gestalt über dunklen Dächern. Eine anbetende Gestalt (Chagall selber? Oder jeder, der das Bild betrachtet?) in großer Andacht zu Boden gesunken. Und vor allem die Gruppe in der Mitte des Bildes, wie ein Weihnachtsbild. Friedlich und fruchtbar, in sich selber versunken im Geheimnis des neuen Lebens.

 

Die größte und wichtigste Gestalt (Bedeutungsperspektive) ist Noach selber, hingestreckt auf die trocknende Erde nach der Sintflut. Hier gibt es auf der ostkirchlichen Weihnachtsikone eine Parallele: da liegt Maria in derselben Haltung hingestreckt auf einem Purpurlager, sie hat alles getan und gegeben, sie ist ruhig und gelassen. Auch sie stützt ihren Kopf auf den Arm, um nach ihrem Kind zu schauen (oder zu Josef hin, um ihn im Glauben zu stärken).
 

Meisterhaft hat Chagall dies in die Gestalt des Noach hineingemalt:  Hände und Füße entspannt, das große Werk ist getan, der Blick sucht den Betrachter, um ihm die Botschaft der Hoffnung weiterzugeben. Meisterhaft auch die Farbgebung innerhalb des gesamten Bildes, z.B. die goldenen Tupfer auf dem Bart des Noach (ein wenig Humor!) und auch sonst weiße und rote belebende Lichtpunkte sparsam verteilt. Zaghaft setzt sich die Erlösung der geschaffenen Welt durch, bis sie vollends erblühen kann wie der Blumenstrauß im Bild unten in der Mitte.

 

Das helle Grün in der ganzen Mitte des Bildes stammt von einem Baum, der mächtig aus der Erde erwächst. Eine Leiter an seinem Stamm deutet  hin auf den Traum des Patriarchen Jakob mit der Himmelsleiter. Der neue Baum, der allen Menschen und Tieren auf Erden Frucht und Schatten schenkt, wachst üppig und gnadenhaft über alle Völker, während der Baum des Paradieses rechts im Bild durch die Schuld der Menschen vertrocknet und eingeht.

 

Und noch ein letztes Detail: links am Bundesbogen hat der Künstler einen Punkt gemalt mit seinem Namen: „ . Chagall - So ist es, Punkt, ich habe es selbst erlebt.“ Die Bibel schildert keine idyllische Welt, und Chagall hat aufgrund seiner Lebenserfahrung keine Veranlassung, sich der Illusion eines befriedeten Zustandes dieser Welt hinzugeben.  Ein gewaltiges Bild – übrigens fast ausschließlich in den Sekundärfarben grün, violett, und orange. Das Gelb/gold – Rot des Engels sowie das Weiß des Bundesbogens überzeugen umso mehr.