Ilja Repin - Die Wolgatreidler


Als Michail Gorbatschow 1989 Russland einer neuen Zukunft entgegenführte, konnte das Volk noch lange nicht fassen, was da geschah. Nicht nur durch Hunger, Krieg und Sowjetregime war es schamlos ausgenützt worden – schon seit Jahrhunderten litt das Volk in Unfreiheit unter den Zaren und Patriarchen, unter Großfürsten, Bojaren und Klöstern. Kein Volk Europas hat eine solche Leidensgeschichte erlebt, keines aber hat eine solche Würde des gedemütigten leidenden Menschen hervorgebracht. Und lebt davon noch heute ohne Illusionen - als Leidensdulder.
 

  
Repin Wolgatreidler Wolgaschlepper
Ilja Repin, die Wolgaschlepper, 1873

 

Das Bild zeigt elf Treidler, die am Ufer der Wolga einen Lastkahn ziehen, die meisten nach vorn und gegen den Boden gebeugt, sich in die breiten Gurte vor der Brust stemmend. Farblich dominieren gedämpfte Braun- und Grüntöne, die für die Geschlossenheit der Gruppe stehen. Dynamik gewinnt die Kolonne durch den Wechsel von erhobenen und gesenkten Köpfen, die den Rhythmus der monotonen Schrittfolge wiedergeben. In den Gesichtern lässt sich ein breites Spektrum von Emotionen erkennen, von Sanftmut über Entschlossenheit bis hin zu Wut. Der jüngste Treidler, der als einziger in die Ferne blickt, lockert für einen Moment seinen Gurt. Ihn hat Repin in die Mitte der Gruppe postiert, in einer leicht drehenden Bewegung des sich Aufrichtens mit einseitig hochgezogener Schulter. Der Junge ist hell und farbig porträtiert, das Rot seiner zerrissenen Bluse bildet den Mittelpunkt der Treidlerkolonne.

Die breit dahinfliessende Wolga kann als Symbol für Russland gesehen werden. Treidler wurden an der Wolga noch eingesetzt, als bereits die ersten Dampfschiffe auf ihr fuhren. Tief im Hintergrund hat Repin eines abgebildet - wie links eines unter Segel. Die Figuren sind ungeschönt und realistisch wiedergegeben. Die harten Arbeitsbedingungen der Unterprivilegierten und die Schicksalsergebenheit, mit der sie ihr Dasein ertragen, werden exemplarisch dargestellt. Die Wolgaschlepper allegorisieren gleichsam die Leidensfähigkeit des russischen Volkes. Hoffnungsvoll inmitten des Elends stimmt einzig der Junge in der Bildmitte, mit dem Repin einen Gegenakzent setzt. Als übrigens der Maler versuchte, für sein Bild die Zusammenarbeit mit den Treidlern zu suchen, waren diese anfangs sehr abgeneigt; dann aber entdeckte er hinter der Fassade die einzelnen menschlichen Schicksale - z.B. die des Anführers der Gruppe vorne links, eines ehemaligen Priesters.

 

Lied der Wolgatreidler


Das "Lied der Wolgaschlepper", ein altes russisches Volkslied, das Ilja Repin zu seinem berühmten Bild inspirierte:

 

Эй, ухнем!                                  Ei, uchnjem!                                                   Ej, hau ruck!
Эй, ухнем!                                  Ei, uchnjem!                                                   Ej, hau ruck!
Ещё разик, ещё да раз!           Jeschtscho rasik, jeschtscho da ras!        Noch ein bisschen, noch einmal!
Эй, ухнем!                                  Ei, uchnjem!                                                   Ej, hau ruck!
Эй, ухнем!                                  Ei, uchnjem!                                                   Ej, hau ruck!
Ещё разик, ещё да раз!           Jeschtscho rasik, jeschtscho da ras!        Noch ein bisschen, noch einmal!

 

1.  Lasst uns den Birkenknüppel biegen,  /  den Knüppel der lockigen Birke biegen!
Aj-da, da aj-da!  /  Aj-da, da aj-da!
den Knüppel der lockigen Birke biegen!

2.  Wir gehen am Ufer entlang.  /  Wir singen der Sonne unser Lied.
Aj-da, da aj-da!  /  Aj-da, da aj-da!
Wir singen der Sonne unser Lied.

3.  Ej, Ej, zieh das Seil fester!  /  Wir singen der Sonne unser Lied.
Ej, hau ruck!  /  Ej, hau ruck!
Noch ein bisschen, noch einmal!

4.  Ach du, Wolga, Mutterstrom,  /  tief und breit.
Aj-da, da aj-da!  /  Aj-da, da aj-da!
Wolga, Wolga, Mutterstrom.

Ej, hau ruck!  /  Ej, hau ruck!
Noch ein bisschen, noch einmal!
Ej, hau ruck!  /  Ej, hau ruck!

 

Das Lied behandelt das Treideln von Schiffen auf der Wolga durch Burlaken, welche zur damaligen Zeit Schiffe die Wolga stromaufwärts zogen. Es ist auch als Lied der Wolgatreidler bekannt und inspirierte Ilja Repin für sein Gemälde als einer Darstellung der Leiden und des Elends von Menschen im Zaren-Russland. Wahrhaftig Leidensdulder!

 

Leidensdulder - die Zarenfamilie

Zar Nikolaus II MärtyrerfamilieLeidensdulder - Die Russische Zarenfamilie 1918

Russland hat einen eigenen Typus von Märtyrern hervorgebracht: die Leidensdulder. Vor 1000 Jahren erlitten die Fürstensöhne Boris und Gleb dieses Schicksal, als sie in den Thronfolgewirren von ihrem Bruder Svjatopolk ermordet wurden. "Wie ein Lamm wurden sie zur Schlachtbank geführt und taten ihren Mund nicht auf."
Besonders aktuell wurde diese Bezeichnung nach der Ermordung des Zaren Nikolaj II., der Zarin Alexandra Feodorowa (aus Darmstadt, Großfürstin von Hessen), des Zarensohnes, der Zarentöchter in Ekaterinenburg am 17. Juli 1918. Nach ihrer feierlichen Heiligsprechnung im Jahr 2000 gilt die tiefreligiöse Zarenfamilie als Vorbild für das ganze russische Volk, das durch Leiden stark und Christus ähnlich geworden ist.
 

Sieh die offizielle Ikone der Leidensdulder Nikolaus II. und Familie - klick

 

 

Realismus und Patriotismus in Russland vor 1917


Repin - Unerwartete Rückkehr
Ilja Repin, Unerwartete Heimkehr 1884

 

Ilja Repin gehörte zu jenen Malern, die von einem eher romantisch verklärten Patriotismus (siehe unten!) zu einem Realismus des wirklichen Alltagslebens fanden, wie schon früher in Frankreich etwa Courbet oder Millet. Im Bild von Repin besticht die einfache Szene vor allem durch die tiefe Nachempfindung des Augenblicks und die Führung des Lichtes. Das Warten und die Überraschung begegnen sich sehr nüchtern - eben realistisch wie es dann kommen kann. 

 



Kosaken von Zaporoscje schreiben einen Brief an den türkischen Sultan 1884
Ilja Repin, i Cosacchi dello Zaporoscie scrivono una lettera al Sultano di Turchia, 1880 - 1891