Trostworte für Trauernde

 

Tränen in den Augen


Es war an einem nebeligen Herbstabend, als Hannes (16) von einem Auto totgefahren wurde. Der Fahrer sagte: "Jetzt ist mein Urlaub ruiniert!" Die Eltern und vier Geschwister waren trostlos. Vor allem die Mutter, die zwar rechtzeitig gerufen worden war, aber vor lauter Schock und Wirbel ringsum dem Kind nicht einmal ein Kreuzzeichen machen konnte.

Da ich mit der Familie sehr befreundet bin und zur Beerdigung verhindert war, schrieb ich nach langem Suchen den Brief, der hier zu lesen ist. In meiner priesterlichen und missionarischen Tätigkeit wurde ich oft angeregt, den Brief weiter zu schreiben. Vielleicht können Sie mir helfen?

 

Trostworte für Menschen in tiefer Trauer

 

Fassungslos, schweigend und staunend stehen wir jedes Mal vor dem Geheimnis des Todes. Ob er ungestüm hereinbricht in ein junges Leben, ob er nach Krankheit und Gebrechen erlösend den Stab aus der Hand nimmt - wir empfinden den Tod immer als Herausforderung. Wir möchten sagen, dass der Tod nicht zum Leben gehört, dass es so nicht sein darf! Und wenn auch mit der Zeit der Kopf die Tatsache begreift und er um den Sinn des Ganzen zu ringen beginnt - das Herz wehrt sich noch lange und blutet aus offener Wunde. Plötzlich meinen wir, bekannte Schritte zu hören oder ein Lachen oder Fragen, die Art zu klingeln und die Art, die Treppe heraufzustürmen. Wir möchten das Zimmer machen, noch ein bisschen warten, nur noch ein Wort hätten wir zu sagen… Vor allem kleine Dinge werden wie ein Fenster hin zur Ewigkeit, ein halb fertiges Werkstück, ein angefangener Brief, eine zufällig gefundene Freizeitspur, oder eine akustische Aufnahme - und es kommt uns vor, als ob wir sehen, hören, greifen könnten - doch es ist nicht mehr, es wird niemals mehr sein, wie es war.

 

Wir stehen oft schweigend bei unseren liebsten Angehörigen. Wir leiden, wir leiden mit, Worte versagen. Wir verstehen nichts mehr, wir können nicht einmal beten. Wie Jesus im Ölgarten - er schwitzt Blut, um noch beten zu können. Wie Jesus am Kreuz - auf seinen Schrei „Mein Gott, warum?“ bekommt er keine Antwort. Und doch betet er weiter: „Vater, in deine Hände lege ich mein Leben!“ Wenn uns die Zeit geschenkt wird, dass wir wieder denken und fühlen, handeln und beten können, dann können wir uns als Brüder und Schwestern Jesu vielleicht mit folgenden Trostworten Mut machen.

 

1.  Dein Wille geschehe!

Wie oft wird von Menschen gerungen, dieses Wort beten zu können. Auch Jesus im Ölgarten hat Blut geschwitzt, bis er beten konnte: „…aber nicht wie ich will, sondern dein Wille geschehe.“ Es ist dies nicht eine Einsicht, dass wir jetzt alles verstünden. Aber es steckt doch unendlicher Trost darin, dass auch unser größtes Leid Sinn hat und im Willen des Vaters im Himmel beschlossen ist. Ich bin nicht einem blinden und willkürlichen Schicksal ausgeliefert, nicht einer grausamen und strafenden höheren Macht, sondern ich bin Gott anvertraut als einem treu besorgten Vater und einer liebenden Mutter. Kinder vertrauen Papi und Mami, auch wenn sie nicht verstehen und es lieber anders haben möchten. Wird es einmal möglich sein, den Willen Gottes zu erahnen, zu erfahren? Jetzt schon darf ich ihn darum fragen, wenn ich leide, hoffe, bete.

 

2.   … der für uns das Kreuz getragen hat!

Gott erniedrigt sich bis zum Tod am Kreuz - das wahrhaft christliche Mysterium des Glaubens und Lebens. Wieder keine Erklärung, aber volle Solidarität mit allen Leidenden, Sterbenden, Trauernden. Ob wir Menschen überhaupt fähig sind, Leben und Sterben zu begreifen und die großen Zusammenhänge zu sehen und zu verstehen? Ist es da nicht tröstlich, dass Gott uns hilft, trotz allem zu leben? Dass er Angst in Hoffnung wandelt, Trauer in Trost und Not in Hilfe? Dass er uns seinen eingeborenen Sohn als großen Bruder schenkt, der von den Sternen herabsteigt und unser menschliches Elend teilt? „Was hat die Familie jetzt ein schweres Kreuz zu tragen“, sagen wir oft - und blicken selber hoffnungsvoll auf zum Gekreuzigten. Im Dialekt sagen wir oft mit Kopfschütteln: "Isch dess än Ellend" (ist das ein Elend) - dabei schwingt aber im Ton immer Ergebung und Gottvertrauen mit. 

                                                             

Abschied nehmen3.  Das Wiedersehen im Himmel.

Eine Ahnung aller Menschen und Völker wird uns im Glauben zur Gewissheit:  wir werden uns wiedersehen. Deshalb haben die Menschen seit ältesten Zeiten die Gräber ihrer Lieben besorgt und geschmückt, deshalb ist die Menschheit reich geworden an Zeichen der Hoffnung über den Tod hinaus. Liebe und Wahrheit sind ewig, das spürt nicht nur der Dichter. „Bedrückt uns auch das Los des sicheren Todes, so tröstet uns doch die Hoffnung auf Unsterblichkeit. Denn deinen Gläubigen wird das Leben nicht genommen, sondern gewandelt – wenn die Herberge dieser irdischen Pilgerschaft zerfällt, steht uns im Himmel eine ewige Wohnung bereit.“ (Totenpräfation, 7. Jh. im westgotischen Spanien entstanden). Und das wird ein Fest sein, wenn wir uns wiedersehen! Dann gibt es nicht mehr Klage, Gebrechen, Schuld. In Begriffen oder meist in Bildern wird uns das Leben nach dem Tod geschildert. Wir sollten nicht an einzelnen Bildvorstellungen oder Begriffen hängen bleiben, aber auch nicht ängstlich fragen und dürftig in Frage stellen. Beten wir mit den Toten, nicht nur für sie - sie sehen und schauen im Licht des himmlischen Vaters, wir aber sind noch unterwegs im Tal der Tränen.

 

4.  Im Tod vollendet.

Die heutige Todesforschung berichtet, dass im Sterben auch Kinder zu vollendeten Menschen heranreifen und dass bei einem plötzlichen Sterben der Augenblick des Todes überzeitlich erlebt wird und so lange dauert wie das ganze Leben. Auch wenn ein Kind nicht erwachsen werden durfte, auch wenn ihm unser Leben mit seinen hohen und schönen Werten versagt blieb, wenn kein Beruf ergriffen und keine Familie gegründet werden konnte, kein Haus gebaut und nicht viel Freizeit erlebt wurde – der Tod ergänzt und vollendet auf seine Weise. Wenn die Mutter stirbt, ist da nicht „eine achtzigjährige Frau“ gestorben, sondern die Mutter. Es zählt der Mensch, wie er vom ewigen Gedanken Gottes gedacht ist, ohne Alter und Stand, ohne Gebrechen und Schuld, ohne „Spitze!“ oder Pfui. Und was von Kindern gilt, dürfen wir doch auch von uns Erwachsenen denken.
 

5.  Reifen durch Leid

Leid lässt reif und weise werden. Leid führt weg von unseren eigenen Sorgen, lässt unsere kleinen Vorstellungen verschwinden und gibt uns eine Ahnung vom großen Geheimnis des Lebens. Leid und Tod, Versagen und Gebrechen, Schuld und Niederlagen gehören zum Leben dazu. Wir werden zwar nie verstehen, aber im Glauben und in der Hoffnung können wir annehmen und ertragen. Wie werden dies oft erst aus der Distanz späterer Jahre erkennen und annehmen können. Weisheit, Demut und Geduld reifen in echter Form ganz von unten herauf! Und niemand wird zu einem guten Ratgeber werden, der nicht selber Schweres ertragen hat. Wenn wir von einer Beerdigung kommen – sind es da nicht oft einfache, echte, geprüfte Menschen, deren Persönlichkeit uns am meisten zu Herzen geht, die wir als „Nothelfer/-innen“ anrufen können? Ja, manchmal haben wir das Gefühl, dass der Verstorbene selbst die Atmosphäre schafft.

 

6.  Liebe ist stärker als der Tod

Liebe ist stärker als der Tod

In Liebe zusammenstehen und Leid gemeinsam tragen, das ist in schweren Stunden etwas vom Wichtigsten. Ob ein Mensch, ganz allein auf sich gestellt, überhaupt Leid ertragen könnte? Bevor wir Gottes tröstende Nähe erfahren, braucht es die Erfahrung geschwisterlicher Lieben uns naher Menschen. Der Ehegatte kann im Glauben feststehen durch die typisch weibliche Kraft der Gattin - und genauso die Frau durch ihren Mann. Die Kinder können Hoffnung suchen im abgeklärten Ringen ihrer Eltern. Freundschaft und Liebe, Ehe und Familie können wachsen und reifen, wenn wir nicht nur nebeneinander, sondern miteinander leiden und tragen, der eine mit der Kraft des anderen Als Priester war mir dies oft ein Lichtblick in der Trauer! Es sei nicht verschwiegen, wie oft hier Verletzungen geschehen und wie weh wir uns gegenseitig tun können, doch echte Liebe führt zum Guten, ist stärker als der Tod.

 

7.  Solidarisch mit dem Leid der Menschen und der Schöpfung

Es hilft mir zwar nicht viel, wenn es auch anderen schlecht geht, und doch bekomme ich Schulterschluss zu Brüdern und Schwestern im Leid. „Freunde in der Not gehen tausend auf ein Lot“ heißt ein Sprichwort. Doch echte Freundschaft wird im Leid geprüft und geläutert. Freunde, die uns in schweren Stunden geschenkt werden, sind echt und wahr. Auch wir selbst werden wertvoll für andere. Es wird nicht nur uns Mitleid und Achtung entgegengebracht, sondern wir helfen anderen, sich an unserem Glauben aufzurichten und die Hoffnung zu bewahren. Wir werden solidarisch mit dem Leid der Menschen und der ganzen Schöpfung. Wir haben ein Herz für die Tränen und das Stummsein der Menschen, für das Leid der Völker und das „Seufzen der Schöpfung“.

 

8.  Selig die Trauernden

Jesus lehrt nicht nur die Seligpreisungen, sondern er lebt sie, sie sind sein Lebens- und Glaubensbekenntnis. Er lässt alles los, schenkt alles hin, stirbt nackt den Tod der Menschen! Bedroht und fremd am Weg geboren, ins Holz der Krippe gelegt. Verlassen, trauernd und klagend betet er im Ölgarten. Arm, verfolgt und qualvoll stirbt er am Holz des Kreuzes. Wir haben von seinem Heiligen Geist empfangen, der uns „durch Kreuz und Leiden zur Herrlichkeit der Auferstehung“ führt. Selig die Trauerenden, denn sie werden getröstet werden.