Albrecht Dürer - Betende Hände

 

Albrecht Dürer - Betende Hände
Albrecht Dürer, Betende Hände, Zeichnung (Studie 1508)
 

Als Albrecht Dürer 1508 an die Ausführung eines großartigen Altarbildes ging (leider ging der Altar 1729 bei einem Großbrand zugrunde), nahm er sich viel Zeit für die Vorzeichnungen. Für einen anbetenden Apostel zeichnete er z.B. diese unglaubliche Studie mit Tusche auf von ihm selbst blau eingefärbtes Papier. Dürer hat als Vorlage seine eigene linke Hand benützt, die er auf einen Spiegel legte. Dadurch fand er zu dieser einprägsamen Form. Zeichnungen aber hatten damals wenig Wert, nur der Künstler wusste darum und vewahrte sie gut.
 

So wurde dieses kleine Kunstwerk vor gut 150 Jahren wieder "entdeckt" und veröffentlicht. Der Devotionalienhandel hatte sein Sujet gefunden, im 20. Jahrhundert wurde kein Kunstwerk von Dürer so massenhaft dargestellt wie "Betende Hände". Scheinbar erschienen diese Hände niemandem bigott und übertrieben, sondern sie wurden zu einem Logo für das Beten. Dass gerade diese seine Kunst posthum so virulent werden konnte, hat sich der Künstler wohl selbst nicht denken können, doch scheinbar kommt für alles die richtige Zeit.
 


Hinführung zur Meditation
 

Erinnerung und Beten, aber nicht Trauer, Tod und Glaube verbinden die meisten Menschen mit dem Bild „Betende Hände“ von Albrecht Dürer. Ich selber verbinde dieses Bild immer mit den betenden Händen meiner Großmutter. Diese war Jahrzehnte lang krank und von Rheuma und Gicht geplagt, 9 Jahre konnte sie nicht einmal Löffel und Gabel zum Essen halten. Aber sie war gut und voll Verständnis, nie böse oder beherrschend, eine Beichtmutter für alle Verwandten und Nachbarn. Sie konnte schweigen – und hat so die Liebesgeschichten der Mädchen genauso ernst genommen wie die Tränen der Erwachsenen. Und sie war für alle die „Oma vom Guten Rat“ und vom wirksamen Gebet, sie ist die Heilige in unserer großen Familie bis heute.

Die betenden Hände in unserem Bild sind nicht gezwungen, verkrampft oder erstarrt. Sie haben sich gerade zum Gebet zusammen gefunden, denn das schaffen sie eben noch. Diese Hände haben auch gearbeitet! Vielleicht kannten sie nie Nagellack und Hautcreme, aber Seife und Wasser. Sie erzählen jetzt noch von Erde und Holz, von Feuer und Wind. Albrecht Dürer hatte mit den größten Künstlern seiner Zeit (z.B. Michelangelo und Leonardo da Vinci, später Rembrandt) eines gemeinsam: sie haben die innere Schönheit des alten Menschen entdeckt, gezeichnet, geliebt. Vor allem Gesichter und Hände von Menschen, die vom Leben gezeichnet und geformt waren, die ihre Würde erarbeitet, erkämpft und verdient hatten.


„Betende Hände“ sind zu einer Chiffre von Kraft, Ruhe und Vertrauen geworden. Viel mehr Menschen als meist angenommen kennen jene Augenblicke, wo auch sie die Hände zu einem inständigen Gebet falten. Albrecht Dürer war überzeugter Christ, seine Bilder drücken dies aus, er erwartete sich damals von Martins Luther Reformation gültige Impulse für eine neue Zeit nach dem Mittelalter. Wie die Hände des Malers sind auch die gefalteten Hände des Beters nur der Anfang von unten, das Gebet vollendet sich im Aufsteigen zu Gott. Es vereinigt sich mit dem Geist Gottes, dem Heiligen Geist, der Liebe, Leben, Wahrheit und Schönheit ist. So ist für mich Dürers Bild „Betende Hände“ wie ein kleines Licht, das Dunkelheit nimmt und den Geist zur Anbetung führt.
 


Ein Bild und seine Geschichte ...


Ende des 15. Jahrhunderts lebte in einem kleinen Dorf bei Nürnberg ein Ehepaar mit 18 Kindern. Um das Essen für seine Familie zu beschaffen, arbeitete der Vater sehr hart. 
In dieser scheinbar hoffnungslosen Situation träumten zwei der Kinder davon, Künstler zu werden, obwohl sie wussten, dass ihr Vater niemals in der Lage sein würde, sie zu unterstützen.

Nach vielen Diskussionen beschlossen die beiden eine Münze zu werfen. Der Verlierer würde im nahegelegenen Bergwerk arbeiten und mit seinem  Lohn den Bruder auf der Akademie unterhalten. Wenn der dann das Studium beendet hätte, würde er seinerseits dem Bruder das Studium finanzieren.
Eines Morgens losten die Jungen. Albrecht Dürer gewann und ging nach Nürnberg. Sein Bruder Albert trat die Arbeit im Bergwerk an und unterstützte seinen Bruder. 

Albrechts Kupferstiche, Holzschnitte und Ölgemälde waren weitaus besser als die der meisten Lehrer, und gegen Ende seines Studiums verdiente er bereits beachtliche Summen mit seinen Aufträgen.

Als der junge Künstler nach vier Jahren in sein Heimatdorf zurückkehrte, veranstaltete die Familie Dürer ein Fest. 
Nach dem Essen erhob sich Albrecht, um seinem Bruder Albert für dessen aufopfernde Arbeit zu danken, die ihm geholfen hatte, sein Ziel zu erreichen. „Und nun, Albert, geliebter Bruder, bist du an der Reihe, und ich werde für dich sorgen.“

Dieser zögerte, stand aber schließlich auf und wischte sich die Tränen von den Wangen. „Nein, Bruder, es ist zu spät. Schau, was die vier Jahre aus meinen  Händen gemacht haben! Die Knochen jedes einzelnen Fingers sind mindestens einmal  zerschmettert worden, und in der rechten Hand habe ich so eine schlimme Gelenkentzündung, dass ich nicht einmal ein Glas halten kann, geschweige denn eine Feder oder einen Pinsel. Nein, Bruder, für mich ist es zu spät!“

Albrecht aber malte in Ehrerbietung und Dankbarkeit die zerschundenen Hände seines Bruders Albert - und nannte sie einfach "Hände". Heute hängen sie überall in der Welt, und die Menschen heißen sie "Betende Hände"! Denn Arbeit und Gebet sind wesentlich, wenn Großes und Wertvolles entstehen soll.

Von Christoph frei erzählt: http://www.evangelischekirche-senftenberg.de

 


"Warum hast du mich so verlassen?"
Grünewald - Isenheimer Altar

 

Grünewald - Isenheimer Altar


Nur 4 Jahre später arbeitete Matthias Grünewald schon am Isenheimer Altar - ein Jahrhundertwerk voller Dramatik und expressionistischer Ausdruckskraft. Im Bild die "Betenden Hände" Jesu am Kreuz, ein Schrei zum Himmel, alles Leid und jede Gewalt als Frage an Gott gerichtet, an den Allmächtigenund Barmherzigen. "Warum hast du mich verlassen!"

(Worte Jesu am Kreuz, Psalm 22)