Gislebertus in Autun - Der Traum der Könige


Die Sterndeuter aus dem Orient


Das romanische Kapitell „Traum der Könige“ in der Kathedrale von Autun in Burgund gehört zu den berühmtesten Darstellungen dieser Art. Meister Gislebertus hat es um 1220 aus Stein gemeißelt. Zu sehen sind der Engel Gabriel und die Heiligen drei Könige. Über ihnen schwebt der Stern von Bethlehem. Mit dem ausgestreckten Zeigefinger der linken Hand weist der Engel energisch auf den Stern, mit dem Zeigefinger der rechten Hand berührt er zart den Ringfinger des obersten Königs. Das Thema ist nicht der Schlaf oder der Traum der drei Könige, sondern das Erwachen aus der Dunkelheit und der Aufbruch in das Licht!

 

Traum der Könige Autun Gislebertus
Der Traum der Könige, Autun in Burgund, Meister Gislebertus um 1220

 

Die drei Könige liegen unter einer kostbaren Decke (siehe Bettpfosten, Bettstatt und Kissen – welche Sorgfalt des Steinmetzen!). Ihr Faltenwurf erinnert an Wellen des Meeres. Wenn ein Stein ins Wasser fällt, verursacht er Wellen. Aus den tiefsten Tiefen des Universums erreichen uns Lichtwellen. Auch das Licht des Himmels durchflutet die Lagerstatt der Könige. Drei auf einer Bettstatt, unter einer Decke: Das ist ein Symbol der Vertrautheit, ja der Einheit. Sie sind drei, sie sind eins, sie sind dreieinig! Die drei Kronen sind vereint im Frieden des einen schönen Kissens.

Bei Mt 2,1-12 lesen wir von den Sterndeutern (Weisen, Königen) aus dem Orient, die gekommen sind, um das Kind Jesus anzubeten. König Herodes trachtet nach dem Leben des Kindes, von den Weisen möchte er den Ort seiner Geburt erfahren. Der Engel erscheint ihnen im Traum und weist sie zum sofortigen Aufbruch an, und sie folgen dem Stern des Heils, des Lebens.

Wir Menschen bestehen aus Körper, Geist und Seele. Der unterste König symbolisiert unseren Körper und die Welt der Sinne. Der mittlere König steht für den Geist, die Vernunft und Rationalität. So ist es kein Zufall, dass beide Könige die Augen geschlossen haben. Sie schlafen. Bildhaft gesprochen: Unsere Sinne können den Boten des Lichtes nicht erfassen, unsere Vernunft seine Existenz nicht beweisen. Allein der obere König hat die Augen geöffnet. Wir dürfen weder in der Trauer noch bei der größten Freude uns so gehen lassen, dass wir nicht mehr ansprechbar sind. Sein auf der Decke liegender Arm wird vom Engel berührt. Dieser König steht für die Seele, die Eintrittspforte für das himmlische Licht.

 

Eine umfassende Betrachtung zu diesem Bild siehe
bei meinem Kapuziner-Mitbruder Pius Kirchgessner:

http://www.pius-kirchgessner.de/07_Bildmeditationen/Magier.htm

 


Betrachtende Worte von Dr. Uwe Wolff (engelforscher.de)
 

Engel sind Kinder des Lichtes. Der Stern, auf den sie weisen, ist das Licht der Liebe, der Hoffnung, des Glaubens. Ohne diese Tugenden blieben wir Kinder der Dunkelheit. Das Wort "Engel" bedeutet "Bote" oder "Mittler". Der Bildhauer hat das Wesen des Vermittlers durch die Armbewegung des Engels wunderbar ins Bild gesetzt: Das Licht des Himmels geht durch den Engel hindurch auf den Menschen.

Engel sind ein Urbild des Dienstes für andere. Sie fragen nicht nach ihrem eigenen Vorteil. Sie schauen nicht auf die Uhr und zählen nicht die Stunden. Engel sind die barmherzigen Samariter des Himmels. Sie  sind frei von aller Sorge um sich selbst und deshalb offen für den Dienst. Ihre Botschaft lautet: Lass dich vom Licht durchströmen! Halte es nicht fest. Verschenke das Licht der Hoffnung, der Liebe und des Glaubens! Wir haben Angst uns zu verschenken, weil wir fürchten, anschließend mit leeren Händen darzustehen. Der Engel verschenkt das Licht. Doch indem er sich nicht an den Besitz klammert, wird er selbst zu Lichtträger. Das ist der Sinn der Symbolik des Heiligenscheines (Nimbus). 

Das Licht des Himmels leuchtet aus ihm wie aus den Augen der Kinder. Auch die Flügel sind Symbol. Kein Engel braucht sie zum Fliegen. Schneller als jede moderne Nachrichtentechnik durchdringen die warmen Liebesstrahlen des Engels die Welt. Die Flügel sind Ausdruck der Geborgenheit, die der Dienst des Engels schenkt.

Über die Zeiten hinweg wird auch unsere Seele vom ausgestreckten Finger des Engels berührt. Und die Ohren des Herzens hören seine Stimme: Wach auf, steh auf, wende dich dem Licht zu! Lass dir an meiner Gnade genug sein!
 

 


Traum der Könige - Initiale zum Dreikönigsfest

 

Drei Magier schlafend Buchinitiale Furtmeyr
Berthold Furtmeyr 1478-1489 (Bayerische Landesbibliothek)
 

Allerseelen Trauerlicht
Von Allerseelen bis zur Osterkerze
 

Jedes Kind liebt seine Martinslaterne. Jeder ältere Mensch trägt Licht zu den Gräbern seiner Lieben. Adventkranz und Weihnachtsbaum leben von Lichtern, Christi Darstellung im Tempel am 2. Februar wurde zum Fest Maria Lichtmess, und Ostern ist undenkbar ohne die Osterkerze aus dem Fleiß und der Wabe der Bienen. Und so folgten auch die Sterndeuter, die in der Bibel und im gläubigen Volk Könige sind, dem Stern von Betlehem.

Wir sagen "das Licht der Welt erblicken" oder "das Lebenslichtlein erlischt".  Licht ist die vierte Dimension des Lebens. "Immer, wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her" - damit trösten sich viele Menschen.

"Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen." (2 Petrus 1,19).

"Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, dem königlichen Thron" (Weisheit 18,14).

 


Vom Licht des Himmels
 

Davon spricht die Bibel sehr oft. Es leuchtet von der Stirn des Mose, als er die zehn Gebote aus der Hand von Gottes Engel erhält, es leuchtet aus den Engeln im dem leeren Grab Jesu, es erscheint durch Gabriel dem Propheten Mohammed in der Höhle von Hira.

Immer sind Gottes Engel zugegen, wenn Menschen ein Licht aufgeht. Dafür wollen wir danken, wenn wir zu Weihnachten die Lichter entzünden. Und vielleicht durchdringt uns in jenem heiligen Moment auch das Mysterium, in dessen Licht die weisen Sternendeuter aus Zentralasien getaucht worden sind, und vielleicht verbeugen wir uns und sprechen die Worte Rahman Babas, des größten Dichter der Paschtunen:

 

„In seinem Lobpreis sind beständig alle,
ob’s Engel sind, ob Geister, ob der Mensch.
Jeder Fisch im Wasser verkündet sein Lob,
jeder Vogel im Hain singt seinen Lobpreis.“