Franz Marc - Das arme Land Tirol

 


Franz Marc, Das arme Land Tirol - 1913
 

Blaue Pferde, die gelbe Kuh, Rehe und Tiger: die sensiblen Bilder von Franz Marc sind vielen von uns noch aus Schul- und Wartezimmern bekannt. Franz Marc gehörte vor dem 1. Weltkrieg führend zum Künstlerkreis München, der damals neben Paris zur Avantgarde Europas gehörte. Der Künstler spürte die dicke Luft in Europa, die Spannungen in Politik und Gesellschaft. So änderte sich ab 1912 sein Malstil, vom friedlichen Tiermaler hin zum abstrakten Maler und Propheten des „reinigenden Krieges“ und des Unterganges. Er meldete sich dann freiwillig zum Krieg und fiel 1916 in Verdun, ein unschätzbarer Verlust für die Kunst in Deutschland.

 

Im März 1913 unternahm Franz Marc mit seiner Frau eine Reise nach Nord- und Südtirol. Die Schönheit des Landes begeisterte ihn sehr, aber er sah auch Gefahren für „das arme Land Tirol“ voraus, denn ein so isoliertes Grenzland würde in einem europäischen Krieg schwer geprüft werden. Er malte ein Bild, Tirol mit hohen Bergen und übersteilen Tälern, mit Burgen und Häusern, in zurückhaltender Farbgebung und für ihn erstaunlicher Gegenständlichkeit. Düstere Schatten legen sich auf die Idylle, ein blutroter Friedhof, ein brennendes Dach und abgemagerte Pferde deuten auf das Schlimmste hin. Der österreichisch-ausländische Grenzbalken an der Straße deutet auf einen Völkerkrieg, der Maler sah bereits in den Balkankriegen das Wetterleuchten eines Weltkrieges.

 

Wenn wir das Bild länger auf uns wirken lassen, behauptet sich trotzdem eine positive Stimmung. Franz Marc wollte auch vermitteln, dass eine solche Landschaft nicht vernichtet und ein so gesundes Volk nicht zerstört werden kann. Der innere Lebenswille und die kerngesunde Natur würden überleben – darauf weist der Regenbogen oben rechts und der zerrupfte Adler, der seine Schwingen weit ausbreitet und ermutigend in das Land hineinblickt. Es sei nicht verschwiegen, dass auch Franz Marc in jener unheilvollen Zeit nach dem unabwendbaren Blutzoll eines gesamteuropäischen Kampfes vor allem Deutschland den Sieg und die Führungsrolle in die Zukunft zutraute.
 

 

Franz Marc, Tirol – 1913/14

 


Franz Marc, Tirol (1914/15)
 

 Ein Jahr später malte Franz Marc ein zweites Bild „Tirol“. In prophetischer Schau werden die drohenden Gefahren gemalt, nicht mehr reinigendes Gewitter, sondern Zerstörung und Untergang. Die Berge sind noch da, aber zerklüftet und gewaltige Felsentrümmer begraben unten das Dorf, die Sonne oben rechts ist blutrot und der sichelförmige Mond gespenstig vierfach, schwarze Schwaden laufen waagrecht durch das Bild. Am eindrucksvollsten der Baum im Vordergrund, der sich in Form einer Sense über das ganz Bild legt. Vertrocknete Bäume, ein grelles Flackern der Farben zeigen einen Weltbrand an.

 

Übermalung mit Schutzmantelmadonna 1914 - siehe Spalte links!