Van Gogh - Delacroix
Barmherzig wie der Samariter

 

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Vincent van Gogh, Der barmherzige Samariter (1889)
 

Unter die Räuber gefallen

 

Wenige Monate vor seinem gewaltsamen Tod hat das zu seiner Zeit verkannte Malergenie Vincent van Gogh dieses Bild gemalt, der barmherzige Samariter, nach einer 40 Jahre alten Vorlage des berühmteren Eugène Delacroix. Gefangen in seinem Wahn und in der Irrenanstalt von Saint-Rémy in der Provence beschäftigte er sich nicht nur mit Bildern aus seiner Erinnerung bzw. begrenzten Wahrnehmung aus dem Zimmerfenster, sondern auch indem er (spielerisch?) einige Bilder großer Maler mit seiner persönlichen Pinsel-, Farb- und Lichtführung bearbeitete. „Ich improvisiere darüber in Farbe, doch verstehe mich recht, ich bin nicht ganz ich, sondern suche Erinnerungen an ihre Bilder festzuhalten – das ist allein meine Interpretation“ – so schrieb er in Brief Nr. 607 an seinen Bruder Theo. Was muss da in seinem Kopf vorgegangen sein?

Und für uns persönlich so wichtig – geschieht solches nicht auch in unseren Köpfen, im Leben, wenn auch anders als mit fast wahnsinniger Ausdruckskraft in einem Bild? Dass wir uns plötzlich ganz neu in Gebeten, Bildern, Gedichten wiederfinden und damit beglückt und gestärkt werden?

Wahrscheinlich besaß Van Goh nur eine Schwarz-Weiß-Vorlage von Delacroix. In seinem Geist sah er das Bild spiegelbildlich gedreht, in leuchtenden Farben und vor allem in einer vibrierenden Umgebung. Van Gogh malt die Wadi-Kelt-Schlucht von Jerusalem nach Jericho hinunter, fünf Stunden Wüste, den ausgeraubten und verwundeten Juden, seine aufgebrochene Schatztruhe, den vorbeigehenden Priester und Leviten, den Samariter (die Erbfeinde der Juden!) bei der entscheidenden Szene – er hebt mühsam den Verletzten auf sein Pferd. Die aufrichtende Kraft und die erschlaffende Last des Verletzten kontrastieren in der Mitte des Bildes.

Das Bild von Delacroix besticht durch die leuchtenden Farben und das flammend gesetzte Licht. Der Impressionismus deutet sich an, aber im Bild von Van Gogh scheint dieser schon wieder überwunden. Es sei hier nicht verschwiegen, dass solche Bilder des alternden, irgendwie erschöpften van Gogh in manchen Bildbänden nicht zu finden sind. Van Goghs Stil dieser wenigen Bilder ist der Notbehelf des Isolierten, steht eher auf dürftigeren Ansprüchen des Malerischen und flutet schon ins Kunstgewerbliche hinüber.

Sein Leben lang hat van Gogh eine bildnerische Darstellung von Gott, auch von Jesus, als unmöglich und unzutreffend abgelehnt – warum also die Reproduktion religiöser Inhalte kurz vor seinem Tod? Hoffte er auf einen göttlichen barmherzigen Heiland, auf eine Auferstehung (nach Rembrandt van Rijn, die Auferweckung des Lazarus 1630) und auf die Kraft des überzeugten Gebetes (nach Millet, Engel des Herrn 1857)? Zwei Bilder, die er offenbar kannte, schätzte, sogar ähnlich bearbeitete wie Van Gogh.

Und warum kann Gott für Künstler in gereiftem Alter so menschlich werden? Könnte und sollte gerade in reiferem Alter eine Befreiung von Dogma und Moral gelingen? Wenn man einen Stock zum Gehen braucht (Dogmen zum Denken), ist der Stock doch nicht der Sinn des Lebens ist, sondern nur ein Hilfe, die ich brauche – den ich beiseitelege, wenn ich ohne ihn freier und besser gehen kann?

Ich schließe mit einer Frage: Was soll dieses Bild „Barmherziger Samariter“ jungen Menschen bringen? Notfallbeistand bei einem Autounfall – manche kennen noch das Christophorus Bild an der Autoscheibe (Christophorus als Barmherziger Samariter)? Es bedeutet mehr, viel mehr! Die vielen jungen Leute als Arbeitskräfte in der Kranken- und Altenpflege, die jungen Leute in der Begleitung von Menschen mit Behinderungen, der Idealismus für Ärzte ohne Grenzen oder der Aufschrei für Lebensprobleme Ausgegrenzter – das ist biblische Akzeptanz der Botschaft des Barmherzigen Samariters heute! Ich denke, der Samariter war jung, erwachsen vielleicht, auf jeden Fall war seine Tat nicht Abschluss seines Lebens! Wenn wir die Bibel „inkulturiert“ lesen, mit dem Sitz im Leben heute, dann gibt es für den Barmherzigen Samariter viele ermutigenden Beispiele!


 

Samariter Delacroix
Eugène Delacroix, der barmherzige Samariter (1949)