Paula Modersohn-Becker
Kinderbildnisse



Modersohn-Becker Selbstbildnis
 Selbstbildnis mit Kamelienzweig

Dieses ihr letztes Porträt malte Paula Modersohn-Becker mit 31 Jahren, kurz vor ihrem tragischen Tod. Wie aus einem Spiegel heraus schaut sie uns an, sprühend vor Lebendigkeit, fest und unbeirrbar in ihrer künstlerischen Berufung, mit einem Leuchten von innen heraus, mit dem Blumenzweig wie bei einem Fest im Alltag. "Ich weiß, ich werde nicht sehr lange leben. Aber ist das denn traurig? Mein Leben ist ein Fest, ein kurzes intensives Fest", hatte sie im Sommer 1900 in ihr Tagebuch geschrieben.

Sie suchte zeitlebens große Einfachheit und Klarheit, die sie durch die Wahl ihrer Motive und Farben meisterlich erreicht. Aus den Gesichtern ist alles Nebensächliche geschwunden, die Intuition der Maalerin ergreift uns noch heute mit Macht. Mit erdigen Farben bezieht sie sich immer wieder auf die Mutter Erde, das Symbol der Fruchtbarkeit. Ihre vielen Selbstporträts lassen aber auch die Selbstzweifel, die Enttäuschungen, die Einsamkeit erahnen, aber auch den Mut zu eigenen Entscheidungen.



Sie zeigt in ihren Bildern eine große Ehrfurcht vor allem Geschaffenen, sie zerrt nie ans grelle Licht der Neugierde oder intentionalen Beschäftigung mit etwas. Sie wendet sich von der Klassik und Romantik ab und findet zu einem naturhaften Realismus, weg von Idealisierung und Illusion und hin zu einem tiefen, stillen Empfinden für das Mysterium des Daseins. Sie malte nicht Königinnen und große Szenen, keine auffälligen Handlungen und Begebenheiten, sondern sie versenkt sich bis in die Details in den Urgrund der Wesenheit - ihre Bilder halten her und aus, sie führen zu Stille und Meditation.

 

Stichworte zu ihrem Leben


Geboren 1876 in Dresden, gestorben 1907 in Worpswede (Embolie nach der schwierigen Geburt ihrer Tochter Mthilde).

Verschieden Zeichen- und Malkurse, die Aufnahme in die Akademie Berlin wurde ihr als Frau verwehrt.

Begeisterte Teilnahme an der Malerkolonie im ländlichen Worpswede, Umzug dorthin und Durchbruch zu ihrem persönlichen Kunstverständnis.

Tiefe Freundschaft mit Clara Westhoff und deren Ehemann Rainer Maria Rilke.

Viermal Aufenthalte in Paris, Bekanntschaft mit den Malern der Moderne, besonders Paul Cézanne und Paul Gauguin.

Schwierige, aber hilfreiche Ehe mit dem berühmten Maler von Worpswede Otto Modersohn.

Rastloses Schaffen: 750 Gemälde und etwa 1000 Zeichnungen, davon über 250 Kinderbilder.

Späte Anerkennung, zu ihren Lebzeiten konnte sie nur 5 Bilder verkaufen; Otto Modersohn erkannte schon früh und förderte ihre Anerkennung.

 

 

Modersohn-Becker Mädchen rotes Kissen
Kind auf rotgewürfeltem Kissen (1904)

Ein kleines Mädchen in einem rotgestreiften Kleidchen sitzt auf einem rot-weiß-gewürfelten Kissen. Dieses bildet eine quadratische Fläche um das Kind und verleiht dem Gemälde Geschlossenheit. Die roten Farbtöne kontrastieren mit dem flachsblonden Haar und dem erdfarbenen flächigen Hintergrund. 

Das Kind schaut aufmerksam auf eine Blume in seinen Händen, eine Margerite oder ein Maßliebchen vielleicht. Das realistisch gemalte Bild lässt einen Anflug von Abstraktion erkennen. Dadurch erhebt Paula Modersohn-Becker ihre Bilder in das Allgemeine: es geht hier um die Natürlichkeit und Unbeholfenheit, um die Unschuld und den unbeschreiblichen Reiz eines jeden Kindes dieser Welt.

 

 

 

Modersohn-Becker Bauernkind  
Bauernkind (1905)

Ein Kind mit gefalteten Händen im Schoß, auf einem breiten Stuhl sitzend vor einer malerisch in Rechtecken gestalteten Küchenwand.

Melancholisch, ja traurig ist das Bild. Mit großen, dunklen Augen schaut das Kind uns teilnahmslos an, fragend und abwartend, was da geschehen wird.

Das dunkle Kleidchen ohne jedes Muster, die plumpen Pantoffel, die erdgebundenen Farben und die schwere, statische Form: das Kind fragt uns nach dem Sinn des Lebens in einer Welt, in der es nichts zu lachen hat.

Armut und Einsamkeit werden in diesem Bild nicht moralisch bewertet, die Malerin bekundet nicht Sentimentalität oder sozialen Protest, sondern die natürliche Wirkung des kindlichen Daseins an sich bekommt eine fast hoheitsvolle Würde.
 

 


Paula Modersohn-Becker Elsbeth  Modersohn-Becker Mädchen Katze Birkenwald
  Kopf eines kleinen Mädchens (Elsbeth), 1902                   Mädchen mit Katze im Birkenwald, 1904/1905


Paula Modersohn-Becker Stillleben  Modersohn-Becker Moorgraben
Stillleben mit Blattpflanze, Zitrone und Apfelsine, 1906                                   Moorgraben, 1902                     

 

Barmherziger Samariter Modersohn-Becker
Paula Modersohn-Becker, Der barmherzige Samariter (1907)


Ein biblisches Bild in glühenden, pastös aufgetragenen Farben, eine Erzählung von Menschlichkeit. Der Mann wollte von Jerusalem hinunter nach Jericho, fiel unter die Räuber und blieb halbtot liegen. Ein Priester sowie ein Levit (Tempeldiener) gehen vorbei, ein den Juden verhasster Samariter leistet Hilfe und bringt den Verletzten in die Herberge. "Wer war dem Verwundeten der Nächste?"

Auffällig die Komposition in Vordergrund mit der menschlichen Szene und Hintergrund mit der Herberge und den Klerikern auf "Fahrerflucht". Die ausgeraubte Tasche und die Blume, das Pferd und der blühende Paradiesesbaum erheben das traurige Geschehen auf eine höhere Ebene, vermitteln Hoffnung und mahnen zu Barmherzigkeit. Ob Paula Modersohn-Becker, die im selben Jahr schwanger wurde und im Wochenbett sterben musste, an ein Bilderbuch für Kinder dachte? Sicher nicht, aber die spirituelle Spannweite dieser Ausnahmekünstlerin war unendlich weit.