El Greco - Abschied zum Tod

 

El Greco – Petrus und Paulus
bereiten sich zum Martyrium

 


Petrus und Paulus nehmen Abschied für das Martyrium
El Greco, Spanien 1591

 

Christus, unser Gott, gepriesen bist du!
Du hast die Fischer zu Allweisen gemacht
und ihnen den heiligen Geist herabgesandt.
Du hast durch sie die Welt eingefangen,
wahrer Menschenfreund, Ehre sei dir!

Troparion der Ostkirche

 

Ein ungewöhnliches Bild und ein ungewöhnliches Lied: Petrus und Paulus als alte Männer und die offizielle Festantiphon aus der Ostkirche. Die frische, sprunghafte Melodie hebt das aktive Geschehen hervor: du hast sie zu „Allgemein-Wissenden“ gemacht und hast durch sie die ganze Welt eingefangen.

Jetzt aber steht den beiden Aposteln der Tod vor Augen: der Überlieferung nach unter Kaiser Nero erlitten beide für ihren Herrn das Martyrium, Petrus durch das Kreuz und Paulus durch das Schwert. Das Bild drückt ihr letztes Zusammentreffen aus, sie nehmen Abschied voneinander auf ihrem letzten Gang in den Tod. Ungebrochen, treu ihrem Meister und Lehrer, dem Herrn und Messias, Jesus Christus, dem Sohn Gottes.

Es begegnen sich jeweils zwei Hände: in der Linken hält Petrus „die Schlüssel des Himmelreiches hier auf Erden“, Paulus aber weist kraftvoll hin auf seine Briefe, die in einem Buch gesammelt sind. Mit ihrer Rechten drücken beide Apostel Ergebung aus, zugleich aber die Annahme ihres Blutzeugnisses, ja sie halten dies als größten Schatz in ihrer Hand und in ihrem Herzen.

Beide Apostel sind in schwere Mäntel gehüllt, die durch ihre ruhigen Falten die beiden Köpfe hervortreten lassen. Charakterköpfe, wie wir sie schon von den ältesten Zeichnungen und Bildern her erkennen. Vor allem auf den Ikonen bedeckt struppiges, graues Haar den Kopf des Fischers, dagegen glänzt die Denkerstirn des Paulus und umrahmt ein passender Bart die beiden Gesichter. Diese bilden die eigentliche Aussage des Bildes: fast schon sich auflösend die Gesichtszüge des Petrus, ruhig zurückblickend jene von Paulus. Fast scheint Petrus um Paulus zu werben – im Leben hatten es die beiden miteinander nicht leicht. Petrus der Jude und Paulus, der römische Bürger: beide zusammen gossen das Fundament der Kirche in Fels und Wort, Autorität und Lehre.

 


 

Sie nehmen Abschied voneinander,
die ungleichen Apostel.

Petrus der Fels im See Genesareth -
Paulus der Völkerapostel am Mittelmeer! 

So verschieden war das Leben der beiden,
des Fischers mit dem guten Hausverstand,
des Intellektuellen mit einer leidenschaftlichen Lebensaufgabe. 

Petrus mit seiner langsamen Bekehrung,
Paulus mit dem Blitzstrahl der Erleuchtung. 

Doch in einem kamen sie zusammen:
Petrus hat den Herrn "bis zum Hahnenschrei" verleugnet,
Paulus hat die Anhänger Jesu bis aufs Blut verfolgt.

Und sie kamen zusammen in der Treue zu ihrem Herrn Jesus, 
und nachdem sie "sich ins Angesicht widerstanden" haben,
auch eins in der Verkündigung des Evangeliums.

Eins miteinander und mit ihrem Herrn Jesus, dem Gekreuzigten,
wurden beide Apostel vor allem durch ihr Sterben -
freiwillig als Märtyrer, als Blutzeugen der Frohen Botschaft.

 



Meditation – Gespräch zu diesem Bild in einer Familienrunde

 

Petrus hat den Herrn bis zum Hahnenschrei verleugnet –  (Fragen an sich selbst...)  hatte auch ich solch schwache Stunden, Tage, Zeiten? Wann hat der Herr mich angesehen und mir geholfen?

Petrus erlebte den Pfingststurm, Paulus den Blitz seiner Bekehrung – wurden auch mir solch erhabene Schlüsselerlebnisse geschenkt?

Die beiden waren ganz verschieden und haben sich doch respektiert – konnte ich mit anderen Menschen auskommen, kann ich verzeihen?

Petrus und Paulus zeigten Gefühle und wurden stark mit ihnen – wie gehe ich mit Leidenschaften um, was spüren andere davon?

Beide hatten ein reiches und vielseitiges Leben – schätze ich ebenso den Reichtum, die Vielfalt meines Lebens?

Petrus und Paulus waren Fischer und Zeltmacher – wie habe ich in meinem Leben zugegriffen, geschafft, gearbeitet? Bin ich froh darum?

Petrus und Paulus waren tragfeste Säulen der Kirche – habe ich meine Kirche geachtet, trotz der Mängel geliebt?

Paulus hat unter einem „Stachel im Fleisch“ gelitten – wenn ich leiden muss, jammere ich dann und verzage ich? Gab es einen Giftstachel?

Paulus hat die Christen verfolgt – kann jemand auch mir einmal sagen, ich hätte ihn verfolgt? 

Beide haben im Glauben ausgeharrt in Elend und bis in den Tod – wie gehe ich mit Schwierigkeiten, Belastungen, Behinderungen, Krankheiten oder dem Älterwerden um?


 

„Hilf, Herr, wir gehen zugrunde!“

 


               Ikone – äthiopisch                     

„Ihr Kleingläubigen! Warum habt ihr Angst?“
 

Vor mir liegt eine äthiopische Ikone, Sturm auf dem See. Fast naiv gemalt, die Fischer haben Angst vor dem Sturm. Blau das bewegte Meer, doch schon regenbogenfarben der versöhnte Himmel – und dazwischen das Boot der Fischer mit dem Herrn. Typisch die Sprache der Augen: fast alle sind auf Jesus gerichtet, doch der schläft. Steuermann und Ruderer schauen ängstlich auf die vor ihnen sich türmenden Wellenberge, der Fischer Petrus hat schon aufgegeben und weckt rüttelnd den Herrn in der Mitte. „Ihr Kleingläubigen“ schimpft Jesus, aber: „Herr, viele von uns schwimmen schon mit Rettungsreifen im Meer.“ Auch ich, du, wir heute – was tun, wenn Gott schläft? Um einen wie Petrus beten, dass er ihn weckt? Oder Jesus, dem Sohn Gottes, das Schläfchen gönnen? Denn solange er bei uns im Schiff ist, hält ein havariertes Boot ja aus – auch in Ihrer Familie und am Arbeitsplatz. Diesen Glauben jedenfalls kann mir niemand nehmen!