Franziskus bricht mit seinem Vater

„Vater, du hast mich nie verstanden!“
 

Giotto Assisi - San Francesco e suo padre
Assisi Oberkirche - Franziskus bricht mit seinem Vater (Giotto um 1300)

 

Welch ein Bild: ein junger nackter Mann zwischen Bischof und Kaufmann, das ist seinem leiblichen Vater in goldener Robe! Zwei Welten stoßen aufeinander, beide Streithähne werden mit Kraft zurückgehalten. In der Mitte nichts von oben bis unten, Leere, ein Abgrund, Kluft und Ruin. Unverständnis und Sensationsgier auf der einen Seite, Nachdenklichkeit beim Bischof, der Franziskus nie allein lassen wird. Selbst die Kinder, die Franziskus so ins Herz geschlossen haben, nehmen teil und regen sich auf.

Franziskus ist nun schon 25 geworden, er hat einen radikalen alternativen Lebensstil gewählt, Armut pur! Franziskus hat bei einem Priester in dem Kirchlein San Damiano unterhalb von Assisi gearbeitet, ist also dem Bischof rechenschaftspflichtig. Maurer und Dachdecker hat er gemacht, ganz Assisi lacht, ein Event und ein Skandal ist es für seinen Vater Pietro Bernardone, den berühmten Textil-Kaufmann für Haute Couture im ganzen Umbrischen Tal. Er beruft sich auf das weltliche Gericht, vor allem aber vertraut er auf seine Mitbürger und reichen Nachbarn.

Und das Schreckliche geschieht: Franziskus schlägt und beißt den Vater, wo er am verwundbarsten ist, beim Geld, bei den Kleidern. Nackt rennt er aus dem Bischofspalast und wirft ihm die Maurerklamotten zu,  der kluge Bischof hüllt ihn schnell in seinen Mantel - und der Vater steht fassungslos da, mit den nutzlosen Kleidern seines Ältesten im Arm, wie lächerlich sind doch die schwarzen Hosen. Giotto malt nun als Genie der Komposition: in der Mitte des Bildes von oben bis unten nichts mehr, was verbindet, kein Kompromiss, keine Versöhnung. Während Franziskus nach der Überlieferung weiterhin gut zur Mutter steht, verschwindet der Vater von jetzt vollends aus seinem Leben. "Nicht mehr Vater Pietro werde ich sagen, nur mehr Vater unser im Himmel!" Dessen Hand ist sogar am Himmel sichtbar, aber ohne zu schlichten!

 

Franziskus - Jugendkrise


Franziskus begegnet uns als Sohn einer paradiesischen Gegend, als Kind einer reizvollen Kleinstadt und Spross eines selbstbewussten Bürgertums. Franziskus erlebt in jungen Jahren das Erwachen der neuen städtischen Kultur, trägt die bürgerliche Revolution mit und profitiert von jenem frühen Kapitalismus, der am Anfang des damals modernen Bürgertums steht. 

Mit vierzehn Jahren wird der Kaufmannssohn volljährig und tritt in die Kaufmannszunft ein. Die Hoffnungen seiner Eltern ruhen auf ihm, dem Ältesten. Die Eltern sehen die Großzügigkeit ihres Sohnes wohl nicht un­gern: extravagante Kleidung und eine elegante Erscheinung, höfische Sitten und der Verzicht auf Pöbelhaftes, ja auf jedes grobe Wort, Finesse im Verhalten und Sprechen sowie Großherzigkeit gegen Kleine und Arme – all das verheißt ihm eine große Zukunft in der kleinen Stadt. Vor allem die Jugend und die Damenwelt lassen sich in den fünf Bernardone-Geschäften um den Hauptplatz von Assisi vom Jungen beraten, der Vater ist zwischen Eifersucht und berechnendem Stolz zerrissen.

Doch es brechen Kriegswirren mit der Nachbarsstadt Perugia aus, Franziskus gerät in Gefangenschaft. Nach über einem Jahr heimgekehrt, verfällt er in schwere Jugenddepressionen. Er kann kein Licht vertragen, pflegt keinen Umgang mehr mit niemandem, kümmert in der Pflege seiner Mutter dahin. Als er sich langsam erholt, kennen ihn seine Freunde nach zwei Jahren nicht wieder. Franziskus tut jetzt einen wichtigen Schritt. Weil er spürt, dass er vor sich selbst davonläuft, stellt er sich seinen Fragen und beginnt mitten in seiner Realität zu suchen. Er ringt um Antworten, um Werte und um ein Leben, das wirklich trägt. Er wählt den Weg seiner neuen Hohen Herrin Armut, um Christus ganz gleich zu werden. Es kommt zum Eklat, vor dem Gericht und in aller Öffentlichkeit. Und in der weiteren Lebensgeschichte fehlt jeder Hinweis, dass es je eine Geste der Versöhnung gegeben hätte.

 

 

Assisi San Damiano - Crocifisso"Altissimo, glorioso Dio,

illumina le tenebre de lo core mio.

E damme fede dritta,

speranza certa e caritade perfetta,

senno e cognoscemento, Signore,

che faccia lo tuo santo 

e verace comandamento. 

Amen."

 

"Höchster, glorreicher Gott,

erleuchte die Finsternisse in meinem Herzen.

Und gib mir starken Glauben,

feste Hoffnung und vollendete Liebe,

Sinn und Erkennen, Herr,

dass ich deinen heiligen

und wirklichen Auftrag erfülle.  Amen."  

 

In seiner schweren Jugendkrise im Alter zwischen 23 und 25 Jahren betet Franziskus oft vor dem Kreuz von San Damiano, 20 Minuten unterhalb der Stadt. Sein Gebet wird authentisch überliefert! Einzigartig, was der junge Mann "Weisheit und Unterscheidungsvermögen" (Sinn und Erkennen) nannte, um seine Berufung klar und mit Zuneigung zu erkennen. Eines Tages hörte er die Stimme des Herrn vom Kreuz herab: "Franziskus, komm - und stelle mein Haus wieder her, das am Zerfallen ist! Es brauchte Zeit, bis Franziskus die tiefere Bedeutung dieser Worte versteht. Aber sofort und energisch begann er in der Stadt zu betteln, um Ziegelsteine zu bekommen und die Kirche zu restaurieren. Er bettelt in der Stadt - und man spricht über ihn. Was für ein Skandal!

 

Der Vater reagiert heftig. Seit einiger Zeit verwirrt ihn das seltsame Verhalten seines Sohnes und macht ihn wütend. Francesco versteckt sich wochenlang auf dem Berg Subasio, aber nach einem Monat kehrt er zurück - und sein Vater sperrt ihn im Keller ein. Die Mutter jedoch, die ihren Sohn sehr liebte, lässt ihn wieder frei. Nach mehrmaligem Hin und Her schleppen ihn der Vater und seine Arbeitskollegen zu einem öffentlichen Prozess in den nahe gelegenen Bischofspalast.

 

Der weise Bischof Guido d'Assssisi versucht, sowohl seinen Vater als auch Francesco zu beruhigen. Dann inszeniert Francesco ein radikales Zeichen: Er verschwindet für kurze Zeit im Bischofspalast, um dann nackt vor allen mit den epochalen Worten wieder aufzutauchen: "Hört zu, alle, und versteht! Bis jetzt habe ich Pietro Bernardone meinen Vater genannt. Weil ich mich jetzt ganz in den Dienst Gottes stellen will, gebe ich meinem Vater den Rest des Geldes, das ihn so verrückt macht, zurück. So auch alle Kleider, die ich aus seinem Besitz habe. Von nun an möchte ich nicht mehr 'mein Vater Pietro di Bernardone' sagen, sondern 'Vater unser im Himmel'."