Vgl. Ikonen "Verklärung" - klick

Verklärung Christi
und Heilung des mondsüchtigen Knaben
Raffaello Santi (1516/20)

Raffael Santi - Verklärung Christi
Dieses Bild von Raffael ist (nach einer kurzen Auszeit mit Napoleon)
wieder in der Vatikanischen Pinakothek in Rom.

 

An diesem Bild hat Raffael die letzten zwei Jahre bis zu seinem Tod gearbeitet. Das Bild zeigt oben am Berg Tabor die Verklärung Christi in einer lichtdurchflossenen Gloriole, der Gesetzgeber Mose und der Prophet Elija links und rechts, die Apostel Petrus, Jakobus und Johannes geblendet auf dem Boden liegend. Während Christus, Mose und Elija in die Höhe schweben, können die Apostel nicht abheben vom Erdengrund. Sie gehören aber trotzdem zur himmlischen Hälfte des Bildes, wie die zwei nicht genau deutbaren Gestalten links unter dem Baum (Stifter oder Patronat). Kein Zeichen oder Symbol (wie bei Ikonen das Himmelssegment) weist auf Gott Vater hin: "Dies ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören." Der Mensch Jesus dagegen ist unverwechselbar schön betont, als Glorie der Renaissance.

Die Wirkkraft des Heilands und Erlösers wird unten in der Heilung des mondsüchtigen (epileptischen?) Knaben gezeigt. Links sind neun Apostel dargestellt, rechts dicht gedrängt sieben andere Personen, vorne die aufgeregten Eltern des Knaben. Zwei Hände weisen auf Christus hinauf, der das Wunder bewirken kann. Eigenartig die Frau, die die entblößte Schulter zurück die Apostel anblickt, in ihrer Drehung aber auf den Knaben hinweist; sie verbindet die beiden Personengruppen links und rechts.

Die Symmetrie und Harmonie der oberen Bildhälfte, die oft auch ohne den unteren Teil abgebildet wird, steht in großem Kontrast zu den dramatischen Lichteffekten und Helldunkel-Kontrasten sowie dem emotionalen Pathos in der unteren Bildhälfte; dies könnte schon auf den kommenden Barock hinweisen, z. B. auf Caravaggio. Beachtenswert unter den Kompositionslinien jene über den rotgewandeten Apostel und seine nach oben deutende Hand hinauf auf Christus, sowie dasselbe abwärts vom hellgrünen Arm eines Apostels über das Gesicht der Mutter hin zum Knaben. Man beacht auch die Sprache der Hände (und auch der Füße!) sowie der Sicherheit von Farben und Formen.

 

Dieses Bild hat bis ins 20. Jahrhundert herein als berühmtestes Gemälde der Welt gegolten. Johann Wolfgang von Goethe verteidigte die helldunklen, komplementär zueinander bezogenen Bildhälften gegen Angriffe von Kritikern. Inzwischen sind viele Wässerchen ins Meer geflossen - aber zu einer allgemein erlebten Linie in der religiösen Kunst haben wir seither nicht mehr gefunden. So werden oft die wunderbaren Bilder früherer Zeiten wieder hervorgeholt, und selbst in bilderfreien religiösen Räumen finden Ikonen leichter einen Platz als etwa ein Kreuz oder ein modernes Gemälde. Und doch hat auch die Moderne soviel Schönes und Gutes - mir kommt manchmal vor, weil wir die zeitgenössische Kunst nicht "lesen" können, wissen Künstler auch nicht recht, was und wie sie "schreiben" könnten. Ein Ikonenmaler z.B. "schreibt", was die Gläubigen glauben und "lesen" können.

 

Verklärung Christi - Girolamo Savoldo
vor 1530 datiert, Uffizien Florenz

 
 
Girolamo Savoldo, Verklärung Christi
Savoldo, Verklärung Christi, vor 1530, Uffizien Florenz
 

Vier Eindrücke fallen bei der Betrachtung dieses Bildes sofort auf:

        1.  Die naturalistische Darstellung von Berg, Himmel und Wolken;

        2.  Die genauso natur-empfundene Bekleidung der Personen;

        3.  Die Reduzierung aller religiösen Zeichen auf den Rest einer Mandorla;

        4.  Keine Fortentwicklung, eher eine oberflächliche Kopie des religiösen Inhaltes.

 

Vielleicht ein "schönes Bild" für viele Menschen, aber wie steif die obere Gruppe, wie schulmäßig die drei Apostel. Christus ist würdig erhöht, die kraftvollen Männer Mose und Elija als devote Hörer dargestellt, die Jünger winken oder eher deuten "Bleib uns fern!" Der Gegensatz von Welt unten und Verklärung oben wirkt übernommen von Vorbildern (vgl. Raffael mehr als 10 Jahre davor).

 

Dieses Bild ist wieder ein Musterbeispiel, wie sehr die Spiritualität der Ikonen weit über die Entstehungszeit und die Ostkirchen hinaus in unsere westliche Welt ausgestrahlt haben. Eine Ikone ist immer ein Gebet in Farbe und Form, Verkündigung und zugleich Bekenntnis unseres Glaubens; deshalb ihre meditative und verkündende Kraft. Mit den Ikonen haben auch andere religiöse Kraftlinien unseren Glauben bestärkt, das Zeugnis der Märtyrer und Heiligen, die guten Wünsche der Eltern und Freunde, die Theologen und Seelsorger, die heiligen Engel und Gottes Mächte und Gewalten.

 

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