"Innenansicht" - Südtirol


Meditation heißt für viele Menschen: ruhig und konzentriert werden, z.B. gegen die Abnützung durch Stress oder für maximale Leistung im Sport. 
Sozusagen einige Stufen höher kommt, wer durch Meditation sozusagen die Innenseite der Welt und des Menschen, der Aufgaben und Freuden erlebt.
In hoher Vollendung führt die Meditation zur Erfahrung des einfachen, klaren Daseins und zum Schauen der wunderbaren Vielfalt in den Dingen.

Ein Künstler aus Südtirol hat in seinem Lebensstil und Kunstschaffen diesbezüglich eine staunenswerte Tiefe erreicht. Vor allem in seiner Bronze-Plastik geht er von einfachsten, seltensten Erlebnissen aus und gibt diesen einen zu Herzen gehenden Ausdruck. Diesem Ideal gelten die Beispiele und Hinweise auf dieser Seite.
 

Martin Rainer

 

 Frau mit Krücke  
(Bronze 1994, 48 cm hoch)

Der Künstler selber erinnert sich an eine Begegnung:

"Als ich in Bozen auf dem Weg zum Busbahnhof war, sah ich eine Frau. Sie hatte einen normalen Gehstock, der war unter der Schulter abgestützt und mit den Händen fest umschlossen. Es war Winter, den Mantel hatte sie weit offen, beinahe wie ein Schild über ihren Körper. Sie stieg mit einem Fuß quer um den anderen herum und kam so nur ganz langsam weiter."

Martin Rainer hatte ein tief blickendes Auge und ein verstehendes Herz. Er lebte mit der Natur und konnte das Elend anderer Menschen fühlen. Oft hat er dies dargestellt, und aus seinen Elendsgestalten strahlt eine große Würde aus. Wie weltenweit ist ein solches Kunstwerk von Zeitungsbildern entfernt! Innere Anteilnahme, Hochachtung vor dem Bewältigen eines solchen Lebensschicksals spüren wir in Rainers Werken. In seiner Einfachheit und Demut lässt er den Lebensmut, ja den gesunden Stolz einer solchen Person hervorleuchten.   
 

In der Meditation führt uns ein solches Bild tief in das Geheimnis des menschlichen Lebens hinein. Jesus hat die "gekrümmte Frau" aufgerichtet (Lukas 13,10-13) - "Frau, du bist von deinem Leiden erlöst!" Kein Wort von Sünde, nur braucht Lukas das Wort Dämon. Dämonisch - nicht verursacht vom Dämon, aber das Leid in sich wird zu einem Dämon für den Leidenden. Echter Glaube befreit vom Dämonischen des Dämon. Letztlich befreit der Tod, der uns barmherzig unter die Arme greifen und uns von der Krücke des Lebens befreien wird. " Unsre Seele ist entronnen wie ein Vogel / dem Netze des Vogelfängers; das Netz ist zerrissen und wir sind frei" (Ps 124,7).
 

Martin Rainer  -  "Gestalten"

 


Rainer - Der Gute (1991)
 

Welch ein Bild zur Meditation!

Betucht und geschützt der Gute, kraftlos und abhänging der arme Teufel am Boden. Rainer moralisiert nicht: Der Gute öffnet sich, absolviert sich nicht mit Cents, freundlicher Blick und offene Hände. Und doch bleibt der Gute erhaben, gefangen in seiner Kaste - und fern. Der Arme bittet mit Hand, Kopf und Füßen! Typisch Rainer - das Materiellen scheint vergeistigt, die Körper durch meisterhafte Abstraktion fast gewicht- und zeitlos. Und für den Künstler am wichtigsten: da gibt es erfüllten Zwischenraum, da spielt sich Dramatik und Begegnung ab im innerern Raum des Bildes. Und der Mantel behütet und schützt - alle beiden schenken und sind beschenkt!

 

 

 

 

 

 



 

 

Rainer - Don Franco (1985)

Domkapitular Brixen
Original, volksverbunden
Beichtvater in vielen Sprachen -
     (das deutet die Stola an!)


"Er konnte stehend
     auf seinen krummen Beinen sitzen"

 

 

 





Rainer - Sitzender (2005)
"Das war im Spital, bei der Blutabnahme.
Der wartete, bis seine Nummer aufgerufen
 wurde und schaute ganz fest
auf die Tafel."


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rainer - Der Gerade (2006)

"In der Kirche stand ein Mann neben der Bank.
Der hatte so einen Blick gehabt, wie der einen anschaute.
Der war nicht klein, der ist da so gestanden
und hat auf einen herabgeschaut,
der schaute einen an!"

 

 

 

 

 

 


 

         Martin Rainer - Lesender



Martin Rainer, Lesender ((1983)

Bronze, 40 cm hoch


Die Tageszeitung wird redigiert, gedruckt und in Faszikel gefaltet, so dass sie in der Familie sofort verteilt werden kann: Der Vater nimmt die Politik und Wirtschaft, die Mutter die Todesnachrichten und Unfälle, der Sohn die Sportseiten - und die Tochter bleibt sozial beim Smartphone. Die Zeitung wird in wenigen Minuten konsumiert und zum Glück auch bald vergessen. Das geschriebene Wort und das gedruckte Bild sind in den Massenmedien durch Inflation entwertet worden.

Das war aber nicht die Art des Künstlers Martin Rainer. Er war ein aufmerksamer Beobachter, er nahm kritisch auf und machte es sich zu eigen. Dies sieht man in seinen Plastiken, die lesende oder hörende Menschen dastellten. Fest auf dem stabilen Stuhl und doch ganz gespannt - und zugleich entspannt und frei zum Aufnehmen. Nichts kann den Lesenden ablenken, er ist momentan taub, stumm und gefühllos, alles spielt ich zwischen seinen Augen und dem Buch ab.


Sein Leib ist konkav gehöhlt, in hohem Maße als Künstler beherrscht Rainer die Abstraktion und Entmaterialisierung des Köfpers. Der Kopf nimmt auf - was für ein neugieriger, gierig forschender Kopf!! Der Mund verspannt, die Rechte mit überlangen Fingern mit dem Buch verwachsen, das Buch selber sozusagen eine einzige Botschaft. Lediglich der Fuß ist verkrampft und erregt. Der Rücken dagegen ist mit der Stuhllehne eins, auch das mantelartige Kleid ist eins mit dem Körper, schwer, zudeckend, ohne jede Regung. Was lebt, eschieht einzig zwischen der Botschaft des Buches und der begierigen Aufnahme im Gesicht und Kopf des Mannes.
 

Zur Meditation


Die Augen nehmen an und für sich Bilder auf, die Ohren Geräusche und Laute. Doch wie die Ohren Worte und Sprache verstehen, so können die Augen Zeichen und Schrift aufnehmen und verstehen. Der Pappagei macht Laute nach, doch versteht er sie nicht und schmückt sich damit nur wie mit Federn. Säugetiere können Gefahrenrufe, Paarungslaute und Ähnliches hören und verstehen und darauf reagieren. Der Mensch aber hat ein subtiles und kompliziertes System, um zu senden und zu empfangen, um das Medium zu ändern und zu speichern, um darauf bewusst zu reagieren.

 


Rainer, Lesende 1986
Beim Vergleich der beiden Lesenden:
der Mann sucht Inhalte, die Frau Schönes.

 

 

Das Wort ist treffend und genau, es erklärt präzis, doch bleibt das Herz dabei kalt. Das Bild, das Symbol erreicht das Gefühl und triffe ins Herz, es wirkt und hilft immer dann, wenn Worte versagen: Geburt und Tod, Liebe und Hass, Angst und Wagemut, Jubel und Klage. Wenn es in der Liebe am schönsten wird, braucht es kein Licht und kein Wort mehr - und sogar die Zeit steht still, denn Liebende sind in der Ewigkeit.


So ist es auch vor dem Geheimnis, das wir Mysterium Gottes nennen. Wie das Mysterium Leben, Liebe, Ewigkeit. Gott offenbarte sich von Anbeginn in vielen Zeichen, doch am deutlichsten im Wort der Buchreligionen. Tiefer steigt Gott, sinkt Gott in unsere Seele durch das Bild. Wir erfassenn es in Erfahrung und Mediation, wir geben Antwort durch Lob und Dank, durch Anbetung.

In meiner Meditation gehe ich aus von diesem spannungsvollen, obwohl so einfachen Bild des "Lesenden". Ich wende mich mir selber zu - und plötzlich kann ich hören, was gelesen wird, die Botschaft höre ich und sie erfasst mich, erfüllt mich ganz und gar. Doch es sind nicht Inhalte oder Gebote, sondern es ist die Wahrheit, das Wort selbst ist Mensch geworden. Würden Bibel und Kirche vergehen, würde Botschaft und Weisung in der Menschheit vergessen, so bliebe doch Gott als Wahrheit und Leben in Person. Dieses ewige Wort ist Fleisch geworden in Raum und Zeit. Die es gesehen, gehört und erlebt haben, konnten nicht mehr schweigen und eröffneten den neuen Weg: es wird verkündet, solange Menschen sehen und hören, begreifen und glauben.

 

Ernst Barlach - Lesende Mönche



Lesende Mönche, Bronze 58 cm h
 

Der Lehrer schaut dem Schüler über die Schulter in das Buch, das beide Figuren vereint. Es ist ein Augenblick der Einkehr und des Rückzugs aus der Welt des Alltags. Die beiden Mönche suchen gleichzeitig Erfüllung in einer geistigen Welt. Die beiden Gestalten zeugen von einer Menschlichkeit, die sich in Gestik, Haltung und Gesichtsausdruck widerspiegelt. 60 Jahre vor Martin Rainer war ein anderer Meister seines Faches fasziniert vom Buch und seiner Botschaft, vom Lesen und dessen geistigen Dichte.