Giorgio de Chirico (1888-1978)


Jedes Bild ein Rätsel, ein metaphysischer Traum: mit solchen Worten werden die Bilder von de Chirico beschrieben. De Chirico zählt zu den wichtigsten Vertretern der italienischen Maler, die den Weg in die moderne Kunst bestimmten. Mit geradezu instinktiver Sicherheit wandte er sich vom Futurismus mit all der Bewegung und Verherrlichung des technischen Fortschritts ab. Er eröffnete dem 10 Jahre später entstehenden Surrealismus in Form und Inhalt die Wege, vor allem Salvador Dalí und Joan Miró. Sein Einfluss auf die Kunstgattungen sowie einzelne Künstler der kommenden Jahrzehnte war groß und entscheidend.

Vor allem die Kinderjahre mit seinen italienischen Eltern in Griechenland sowie sein früher Aufenthalt mit Studien in München haben seine Ziele vorgegeben. "Metaphysisch bewegt" fühlte er sich, nachdem er Schopenhauer und Friedrich Nietzsche gelesen sowie die symbolistischen Bilder von Arnold Böcklin gesehen hatte. So gründete er bei seiner Rückkehr nach Italien in Ferrara zusammen mit Carlo Carrà  die "metaphysische Schule". Sicher hat auch die Tragik des 1. Weltkrieges die Zuwendung zu einer "Kultur der Stille" geführt. Dies erkennt man in seinem Hauptwerk wie stehengebliebene Zeit, aber nicht als Fotografie oder "Stadtbild", sondern so, wie einen ein Traumbild in den aufgehenden Tag hinein nicht loslässt und begleitet.

 
 
 Giorgio de Chirico - beunruhigende Musen
 Giorgio de Chirico - "Die beunruhigenden Musen" (1918, 97 x 66 cm)


Dieses Bild bewerten viele als sein ureigenes Vermächtnis. Ein menschenleerer Platz, aber von einer griechischen Säule bis zu den Schornsteinen einer modernen Fabrik viel Gegenständliches. Im Hintergrund für alle erkennbar das Castello Estense in Ferrara, im Vordergrund zwei rätselhafte Gestalten, die als Schneiderpuppen in antiker griechischer Darstellung ihr Rätsel kaum preisgeben (links der ballonhafte rote Hohlkopf und links die abgenommene orangerote Maske - wirklich beunruhigende Musen). Ganz rechts im Schatten eines unkennlichen Gebäudes vergehend wurde der Führer der Musen vermutet, der griechische Gott Appollo. Durch das Fehlen der Luftperspektive (sfumato zum Bildhintergrund) sind die Bilder glasklar wie Form und Farbe in einem Vakuum.

 
 
 

 Giorgio de Chirico, Das Geheimnis und die Melancholie einer Straße

Giorgio de Chirico, Das Geheimnis und die Melancholie einer Straße, 1914.

Eine Straße, wie es sie wohl nirgends gibt, außer in einem Traum - oder eben bei Giorgio de Chirico. Kaum Einzelheiten und Verzierungen, sondern traumhafte Eindrücke: ein Spiel von Schatten und Licht, Nähe und Ferne (Fahne auf dem weißen Gebäude und vielleicht das Meer), verschiedene Fluchtpunkte z.B. der Gebäude, klare stehende Farben sowie Weiß und Schwarz, doch kein Rot.

Die Bewegung des Futurismus ist für de Chirico schon vor dem großen Krieg zum Spiel des Mädchens mit einem Reifen geworden, tapfer die Straße hinunter gegen die Schattenbilder vergangener Zeiten, wohl ein hölzerner Fahrradreifen, der mit einem Stäbchen geleitet wird (vielleicht erinnern sich Großväter noch daran).

Zaghaft liegt der Schatten eines Denkmals auf dem Licht der Straße, die von dem noch unberührten weißen Gebäude mit den mittelmeerüblichen hohen Laubengängen begrenzt wird. Vorne rechts - vielleicht ein Transportwagen, nicht fahrttauglich - vielleicht zum Verkaufen (oder damals für Zigeuner zum "Bleiben"), am ehesten ein alter, geleerter Rumpelkasten. Eine Straße still und leer, melancholisch wegen ihrer Geheimnisse.

Typisch für die Bilder von de Chirico - er selber machte viele Skizzen dazu, und von manchen Bildern machte er auch später mehrmals neue Fassungen. Und was ihm auch passierte wie anderen Künstlern, seine einfach scheinende Kunst beflügelte die "nachempfindende Phantasie" und die Fähigkeiten der Fälscher.


Carlo Carrà, Die metaphysische MuseCarlo Carrà (1917)
Die metaphysische Muse

Auffällig die Schneiderpuppen im Interieur, hier als Tennisfigur. Diese "manichini"  stellten die Ernüchterung und Entmenschlichung auch der Kunstwelt durch den brutalen Realismus des Weltkrieges dar. Dadurch wurde dem Futurismus den Boden entzogen, er verlor alle arglose Freude auf den technischen Fortschritt der Menschheit.

 

Dieses Bild von Carrà spornte Giorgio de Chirico an, seine Idee von Malerei (später Surrealismus genannt) in dem oben gezeigten Bild von den "beunruhigenden Musen" zu malen. Dieses blieb das Aushängeschild dieser Kunstrichtung sozusagen bis zum Tod von Joan Miró im Jahr 1983 - siehe eines seiner letzten Bilder in der Spalte links. 


Salvador Dalí - Die schmelzende Uhr 
 

Die schmelzende Uhr (im Moment der ersten Explosion, vgl. Spalte links), das ist fast ein Markenzeichen für den Künstler und die von ihm geprägte Kunstrichtung des Surrealismus. Traum, Rausch, Fieber, dies und mehr von diesem ist hier wichtiger als Realität und Wirklichkeit. Die schöne Uhr explodiert, schmilzt und zerinnt: wollte der Künstler darstellen, wie die Zeit vergeht, die gute alte Zeit, die neue Zeit mit der unübersichtlichen Vielfalt ihrer Erscheinungen? Ein Spiel oder ein Kampf um Erinnerung und Gedächtnis, um Dauer und Ewigkeit, um Vergänglichkeit und Vergessen? Ganz gewiss ist es nicht wissenschaftlich die Entropie im zweiten Hauptsatz der Thermodynamik - der Moment der Explosion der Uhr ist gewählt, um die Betrachter zu faszinieren und zum Nachdenken anzuregen.