Leonardo da Vinci - das Letzte Abendmahl

 

Leonardo da Vinci - Abendmahl
Leonardo da Vinci - Das  Abendmahl (1494/98) nach der Restaurierung von 1978/1999

 

Perspektive und Licht      -     kahler Raum, kahle Wände
Tisch mit weißen Tüchern     -     Brote, Teller und Weinbecher

Jesus ruhig, erhaben als Mitte     -     Dreieckform - Dreifaltigkeit
Goldener Schnitt - vollkommen     -     Nirgends ein Heiligenschein

Vier mal drei Männer - "Apostel"     -    Originale, Aufruhr, wilde Gesten
jeder ist Frage und Antwort     -     "Einer von euch" - Judas Iskariot

Die Zeichnung studiert, gekonnt     -     die Farben sanft - sfumato
höchste Erregung, Aktion pur     -     menschlich, kontrolliert, meditativ



Wie ein Meisterwerk entsteht


Von 1495 bis 1498 entsteht das Meisterwerk im Speisesaal des Dominikanerklosters Santa Maria delle Grazie in Mailand. Ein riesiges Bildnis, 422 mal 904 cm groß, eine geistliche Erweiterung des Refektoriums im Sinn von „Tisch des Altares und Tisch der Brüder“. Auftraggeber und Kunstförderer war der mächtige und kunstverständige Mailänder Sforza-Herzog Ludovico il Moro, für den Leonardo soeben ein großes Reiterstandbild fertig gestellt hatte.

Die Dominikaner erwarteten sich damals sicher ein Bild, wie es schon der Tradition entsprach: Jesus sitzt in der Mitte an einem langen Tisch, die Apostel steif und würdig links und rechts und schräg gegenüber Judas, der Verräter mit dem Geldbeutel. Das hat Leonardo da Vinci ganz anders gemacht: der Raum ist durch die damals mathematisch konstruierte Zentralperspektive vom Kopf Jesu aus konzipiert, alle geraden Tiefenlinien bilden sozusagen einen hervorhebenden unsichtbaren Heiligenschein um ihn. Das exakte Zentrum des Gemäldes ist die rechte Schläfe Jesu, damals galt diese als Sitz der Vernunft im Gehirn. Jesus und die Apostel sitzen vorne im Raum, so dass sie praktisch in die Brüderrunde im Refektorium eingebunden sind und herunterschauen könnten. Das Licht fällt nicht von den Fenstern hinten her, sondern von vorne links; dort ist das Fensterlicht des Refektorium, Leonardo bündelt es geschickt auf Jesus in der Mitte.

Der Meister verzichtet auf Heiligenscheine und reiht auffallenderweise Judas unscheinbar unter die Apostel ein („Einer von euch…“). Nach den vier klassischen Temperamenten (Leonardo schätzte diese altgriechische Deutung des griechischen Arztes Hippokrates) teilt er die zwölf Apostel in vier Gruppen ein – und wie es jetzt unter diesen originalen Kerlen (eine Heiligenschar stellen wir uns anders vor) plötzlich zugeht! Soeben hat Jesus gesagt: „Einer von euch wird mich verraten“ – der Aufruhr ist vielfältig und groß, z.B. bei Johannes, Petrus und Judas Iskariot. Die psychologische Deutung der Charakterköpfe der Apostel deutet in eine neue Zeit, die sich jetzt ganz am Menschlichen orientiert: Lebensnähe wird ausgedrückt, mit den Emotionen der Jünger, die Wut, Enttäuschung, Verzweiflung und Erstaunen zeigen.

Am besten drückt eine von Leonardo selbst aufgeschriebene Notiz aus, was er bei seinen Vorstudien suchte und dann im Kunstwerk gekonnt ausführte: „Einer, der gerade trinken wollte, aber den Becher auf seinem Platz stehen ließ und den Kopf dem Erzählenden zuwandte. Ein andrer, die Finger seiner Hände verschränkend und die Stirn runzelnd, wendet sich seinem Nachbarn zu. Ein andrer, mit offenen Händen, zeigt die Handflächen, hebt die Schultern gegen die Ohren und öffnet den Mund vor Erstaunen. Ein andrer sagt seinem Nächsten etwas ins Ohr, und dieser, der lauscht, dreht sich ihm zu und schenkt ihm Gehör, in einer Hand ein Messer, in der andern das mit diesem Messer durchgeschnittene Brot. Ein andrer, mit einem Messer in der Hand, wirft beim Umdrehen mit dieser Hand einen Becher auf dem Tisch um. Ein andrer legt die Hände auf den Tisch und starrt vor sich hin. Ein andrer bläst auf seinen Bissen. Ein andrer beugt sich vor, um den Erzählenden zu sehen, und beschattet dabei mit der Hand seine Augen. Ein andrer tritt hinter den zurück, der sich vorbeugt, und schaut zwischen der Wand und dem Vorgebeugten auf den Erzählenden.“

 

Gut und Böse, Liebe und Hass


Leonardo da Vinci war ein Sohn der Renaissance und wurde zugleich deren Vater, zur Neugeburt („Rinascimento“) jener epochalen Zeit, die bis in die unsere fortwirkt. Er änderte mit vielen Künstlern seiner Zeit die Regeln, welche bis dahin die Menschen stilisiert und unnatürlich darstellten und sie vor allem als Symbole verstanden. Er gab allen Geschöpfen auf seinen Bildern eine einmalige und persönliche Natur, ohne aber die Symbolik allgemeiner und höherer Werte zu übergehen.

Von Leonardo wird berichtet, dass er jede Person mitsamt Charakter, jede Mimik und das kleinste Detail genau studiert und gekonnt dargestellt hat. Am auffälligsten wohl Judas, der Jesus verraten hat. Er wird vor Petrus sitzend gezeigt, der gefährlich das Messer schwenkt („Schwert gegen Malchus“). Dahinter sein Bruder Andreas, daneben Johannes als Jüngling, der zwar tief traurig ist, aber ruhig - auf ihn fällt gewiss kein Verdacht. Nach einer etwas ausgefallenen Tradition könnte man in Johannes auch Maria Magdalena sehen, das weibliche Moment in diesem Bild.


 

Abendmahl Leonardo Mosaikkopie Napoleon WienMosaikkopie (Detail: Andreas, Judas mit Salzfässchen, Petrus mit Messer, Johannes), von Napoleon in Auftrag gegeben, wegen ihrer Größe in Frankreich unerwünscht; sie landete in der Minoritenkirche von Wien. Wegen der Verkleinerung unseres Bildes sind die Mosaiksteinchen nicht mehr zu erkennen.
 

Der Verräter Judas Iskariot wurde vor Leonardo da Vinci immer abseits von den Aposteln gemalt, allein, ausgestoßen. Bei Leonardo aber ist er nicht abseits gemalt, sondern als „Einer von euch …“ Er umklammert erschreckt den Beutel mit dem Blutgeld und greift mit der Linken zu Brot und Teller, sein Blick und sein Gesicht schauen verstört über Jesus hinaus. Und ein unglaubliches Detail: er stößt mit dem rechten Ellenbogen das Salzgefäß um, das bringt Unheil, heute noch würde ein Italienerin sofort eine Prise des verschütteten Salzes über die linke Schulter werfen, in das Gesicht des Teufels, der dort lauert. Besonders dieses Detail zeigt, wie hier Liebe und Hass, Gut und Böse nebeneinander dargestellt sind, und das eine erscheint wirkungskräftiger vor dem Hintergrund des anderen.

 

Viele Legenden ranken sich um diesen Judas. Der berühmteste Kunsthistoriker der Renaissance Giorgio Vasari schreibt, dass damals dem Prior des Klosters die gründliche Arbeitsweise des Meisters zu langsam ging. Leonardo verteidigte sich, er hätte für Christus und Judas noch kein wahrhaftiges Modell gefunden, er denke viel darüber nach. Wenn der Prior meine, er müsse so mechanisch arbeiten, wie die Brüder im Garten Pflänzchen setzen, dann fiele ihm im Moment für den Judas nur ein einziges Gesicht als Modell ein, nämlich das des Priors selber. Und der Prior verstand; er ließ dem Maler alle nötige Zeit, auch wenn Leonardo in Gedanken versunken oft Stunden lang vor seinem Bild stand, ohne einen Pinselstrich zu tun.
 

Der Restauratoren liebstes Sorgenkind


21 volle Jahre war in Mailand an der Restaurierung des „Letzten Abendmahles“ von Leonardo da Vinci gearbeitet worden, mit den besten Restauratoren und den modernsten Mitteln der heute weit fortgeschrittenen Technik. Als 1999 das Werk wieder besichtigt werden konnte, war es wirklich wie neu. Keine Spur mehr von den vergangenen Restaurierungen und Übermalungen, obwohl das eher matte originale Aussehen unkundige Beobachter auch heute noch zuweilen enttäuscht. Jeglicher Schimmelpilz war aus den feinsten Rissen gekratzt und alle Leimspuren beseitigt worden, denn schon manchmal hatte man dadurch das Bild „retten“, aber z.B. auch von der Wand lösen und anderswo anbringen wollen. Manche Apostel erschienen jetzt von einem später dazu gemalten Bart befreit, originale Farben kamen wieder zum Vorschein, eher verhalten und „sfumato“ allerdings (typisch und unnachahmlich bei Leonardo!), nicht mehr so grell und fast kitschig wie später oft nach jeweiligem Zeitgeschmack „restauriert“. Die Gesichter wurden von Verformungen befreit, bei Matthäus z.B. wurden wieder die ursprünglichen blonden Haare entdeckt und genauso die Füße der Apostel unter dem Tisch. Man kann wieder Frisuren, Locken und die Bewegung der Hände und Füße erkennen, wahrhaftiger als vorher.

In den ersten Jahrzehnten nach 1498 waren vor lauter Bewunderung überall in Europa wertvolle Kopien von diesem Meisterwerk des Universalgenies Leonardo da Vinci entstanden. Aber dann gab es auch gefährliche Momente dafür, z.B. als von den Dominikanern selbst die kleine Tür zur Küche unter dem Bild vergrößert wurde (vielleicht in der Meinung, dass das Bild wegen der Feuchtigkeitsschäden sowieso nicht zu retten sei!) und der Mauerdurchbruch dadurch einfach die Füße Jesu zerstörte. Oder als in der Besetzungszeit durch Napoleon der Speisesaal, auf dessen Nordwand das Bild gemalt ist, als Magazin und Pferdestall diente und die Soldaten mit Steinen auf die Köpfe und Füße der Apostel zielten und einigen von ihnen die Augen auskratzten, wie schon vorher in der Französischen Revolution üblich, um den dargestellten Personen ihre Identität zu nehmen. Oder als 1943 im Weltkrieg eine amerikanische 2000-kg-Bombe die Südwand des Refektoriums zerriss – doch Gott sei Dank war das Bild selber durch Sandsäcke vor den Splittern geschützt gewesen.
 


Abendmahl Leonardo Kopie Giampietrino
20 Jahre nach Entstehung des Originals malte Giampietrino (lombardischer Maler aus dem Leonardokreis)
detailgetreu eine Kopie des Abendmahls – so können wir uns am besten vorstellen,
wie das originale Bild von Leonardo da Vinci ausgesehen hat.

 

Die größte Gefahr hat Leonardo da Vinci selber verursacht: er malte das Bild nicht al fresco (nass, als Fresko) in den frisch aufgetragenen Verputz, denn dann hätte er zu schnell arbeiten müssen und hätte vor allem nicht mehr nachträglich Korrekturen anbringen können. Er entwickelte eine Methode, die Ölfarben al secco auf die getrocknete Mauer aufzutragen. So entstanden schon nach wenigen Jahren feine Risse und die aufsteigende Feuchtigkeit zersetzte die Farben. So begann ein Kampf zur Rettung des Meisterbildes, der bis heute andauert und einzigartige Lösungen hervorgebracht hat – obwohl der Zerfall kaum ganz aufzuhalten ist.