Boccioni - Der Lärm der Straße dringt ins Haus


Boccioni Lärm Straße Haus

Umberto Boccioni - Der Lärm der Straße dringt in das Haus (1911)

 

Auf einem Quadratmeter Malfläche zusammengedrängt hat der Maler ein Universum bzw. ein Chaos dargestellt. Wir sehen von hinten aus der Höhe eine Frau, die sich über Balkon nach unten beugt. Die Frau ist recht üppig, fast fällt sie vornüber auf die Straße hinunter - Kraftlinien, die nach Auffassung der Futuristen den Gemütszustand des Betrachters beeinflussen sollen. Wie in einem Dreieck ist unsere korpulente Signora mit zwei Frauen an Balkonen links und rechts verbunden, gleichsam vollkommen in Stereo geschaltet. Die Frauen bilden farblich mit den umliegenden Gebäuden sozusagen einen riesigen leeren Brunnenschacht, an dessen Boden es brodelt von Arbeit und Lärm. Maurer und Zimmerer, Spengler und anderes Bauvolk geben sich zu tun, als ob sie wahnsinnig geworden wären. Alles macht Lärm und Krach und dringt an den Mauern empor in die Häuser und Wohnungen. Alles dringt ein auf den Mittelpunkt des Bildes, das ist das linke Ohr der Frau.
 

Was die Frau auf der Straße, auf dem Platz sieht, ist voll in Bewegung. Auch die Häuser neigen sich, erbeben, wanken, richten sich neu auf. Und von der Straße wächst alles senkrecht empor, die Frau muss sich bedrängt fühlen, wie ein imaginäres Fenster hinter ihr (wie ein Fluchtpunkt in unserem eigenen Auge!) erfüllt sich schon ihre Wohnung mit Lärm, es wir konstruiert, da ist was los, da geschieht Neues und ist viel zu sehen.

 

Wir sehen Schaufeln und Leitern, Gäule und Karren, Ziegel und Sandhaufen - noch gibt es nicht Baukräne oder schwere Maschinen. Es ist eine riesige Baugrube, die da entstanden ist und für die nächste Zeit auf Gewaltiges hinweist. Vor allem riesige Gerüste zeugen vom babylonischen Turmbau, der da begonnen hat. Das wird Monate und Jahre dauern, es wird die Zukunft der modernen Zeit sein. Aus dem Blickwinkel der Frauen verändern sich die festen Häuser und Mauern und machen dem geradezu höllischen Lärmen und Werkeln Platz. Ein kleines Detail sollte nicht übersehen werden, eine Andeutung von Pferdefiguren. Eines befindet sich rechts von der Frau und verschmilzt gleichsam mit ihr. Ein anderes ist unten links angedeutet. Die Pferdestärken von James Watt als Maß für die Leistung von Dampfmaschinen, heute noch Watt und kW? 

 

Abgesehen von der totalen Rundum-Perspektive aus der Sicht des Malers sind es die Farben, die deuten und erklären. Das zarte Blau der Frauen mit ihren fast festlichen Kleidern (auch wenn rechts schon ein Besen aus dem Geländer droht) und der umliegenden Gebäude wird vom schmalen Himmelsrand her bestimmt. Gelb, ja goldgelb dagegen leuchtet aus dem Fundament des Neubaus - und wohl auch jener schiefen Wohnkaserne oben in der Mitte des Bildes, die es offenbar zu restrukturieren gilt. Eigentlich wäre dort der Platz für die Gemeindeverwaltung und den Bürgermeister! Deshalb wohl leuchtet es in gold und gelb, was da zu entstehen hat - "Fa tutto il commune" sagen die Italiener, das macht alles der Staat! Geld muß arbeiten! Der Lärm ist nur Abfall, doch er macht die Leute krank - dies aber hat Boccioni noch nicht gemalt, denn erst später wurde der Futurismus von Erfordernissen der Ökologie und von Umweltproblemen überrollt.

 

Größte Aufmerksamkeit wird der neuen Welt geschenkt, den neuen Erfindungen und Entwicklungen am Anfang des 20. Jahrhunderts. Und sensibel reagiert darauf die Kunst, virulent und auch durch "Visioni simultanee" (Simultanvisionen), wie ein zweites Bild von Boccioni aus derselben Zeit treffend tituliert. Über den Zusammenhang von Kubismus und Futurismus (und Divisionismus usw.) ist viel geschrieben worden. Der Aufbruch und Optimismus jener Zeit wurde allerdings jäh und schrecklich durch den großen europäischen Krieg gestoppt. Boccioni und seine Malerfreunde träumten wie viele Künstler dieser Epoche von einem "reinigenden Blutbad" im alten Europa - das Blutbad geschah, doch Geschichte und Kunst gingen dann anders weiter.

 

Williams Turner - Regen, Dampf, Geschwindigkeit

Turner Regen Dampf Geschwindigkeit

Williams Turner - Regen, Dampf, Geschwindigkeit (1844)

 


Schon im fernen Jahr 1844 war der englische Maler Williams Turner von der gewaltigen Dynamik der neuen Technik fasziniert. Sein wohl bekanntestes Bild lebt in der unteren Hälfte von den bräunlichen, in der oberen aber von einem Zusammenspiel heller Farben. Golden durchstrahlt Licht das ganze Bild, hält oben und unten zusammen. Wie immer ist der Maler auch hier hauptsächlich an den Elementen Regen, Dampf, Wasser und Licht interessiert - aber auch am Rausch von Feuer, der Geschwindigkeit.

Rechts unten stürmt aus der Mitte des Bildes eine fauchende Dampflok hervor, hinaus ins Weite. Die Brücke ist weit und fest über das Meer bzw. den großen Fluss gespannt, eine niedere Mauerumzäunung schützt vor dem steilen Absturz, im großen Bogen unter der Maschine spiegelt sich das Wasser. Perspektivisch entsprechend führt von links eine zweite Brücke in die Mitte des Bildes. Liegt dort die große Stadt? Oder geht dort die Sonne unter, die mit ihren milden Strahlen das Bild geradezu durchleuchtet?

 

Die faszinierenden Farbwirkungen der Atmosphäre und der nur angedeuteten Landschaft kontrastieren mit dem harten Vorwärtspreschen der Dampflok. Die Lokomotive ist fremd in ihrer Umwelt, die Geschwindigkeit ist schwarz wie Unglück, sie wirbelt die eigene Umgebung durcheinander und verpestet die Luft. Die motorische Kraft wirkt beunruhigend im Gegensatz  zur Idylle mit dem Schifflein auf dem Wasser. Wohin wird diese entfesselte Fahrt in Zukunft wohl gehen?