Giotto - Franziskus bricht mit seinem Vater

 

Giotto Assisi - Franziskus und Vater
Assisi Oberkirche  -  Franziskus bricht mit seinem Vater (Giotto um 1300)

 

Franziskus ruft das kirchliche Gericht an, den Bischof, denn er lebt und arbeitet in der kleinen Kirche San Damiano. Der Vater Pietro Bernardone beruft sich auf die weltliche Behörde, vor allem aber vertraut er seinen Mitbürgern und reichen Nachbarn. Kurz vor 1300 hat Giotto diese Fresken in der frühgotischen Oberkirche von Assisi gemalt. Psychologisch interessiert ihn dieser Streit: zwei Welten stoßen aufeinander, beide Streithähne werden mit Kraft zurückgehalten. Unverständnis und Sensationsgier auf der einen Seite, Nachdenklichkeit beim Bischof, der Franziskus nie allein lassen wird. Selbst die Kinder, die Franziskus so ins Herz geschlossen haben, nehmen teil und regen sich auf.

Und das Schreckliche geschieht: Franziskus beißt den Vater, wo er am verwundbarsten ist, beim Geld, bei den Kleidern. Nackt steht der Sohn da, der Bischof hüllt ihn in seinen Mantel - und der Vater steht fassungslos da, mit den nutzlosen Kleidern seines Ältesten im Arm. Und malt Giotto als Genie der Komposition: von oben bis unten im Bild ist Leere, nichts was verbindet, kein Kompromiss, nicht einmal Versöhnung. Während Franziskus weiterhin gut zurMutter steht, verschwindet der Vater vollends aus seinem Leben. "Nicht mehr Vater Pietro, sondern Vater unser im Himmel!" Dessen Hand ist am Himmel sichtbar, ohne zu schlichten!

 

Franziskus - Jugendkrise


Franziskus begegnet uns als Sohn einer paradiesischen Gegend, als Kind einer reizvollen Kleinstadt und Spross eines selbstbewussten Bürgertums. Franziskus erlebt in jungen Jahren das Erwachen der städtischen Kultur, trägt die bürgerliche Revolution mit und profitiert von jenem frühen Kapitalismus, der am Morgen der Moderne steht. 

1181 wird Franziskus als Sohn des Pietro Bernardone und der Madonna Pica in Assisi geboren. Der Vater war Großhändler der Tuchwirkerzunft, mit fünf Geschäften in der Umgebung der Piazza del Comune. Während der Vater die neue Schicht der Bürger und der Demokratie verkörperte, war die Mutter musisch begabt. Durch ihre feinfühlige Begleitung auch in dunklen, depressiven Zeiten hatte sie großen Einfluss auf ihren Sohn. 

Mit vierzehn Jahren wird der Kaufmannssohn volljährig. Somit muss er dem Adel Assisis und dem deutschen Grafen in der Rocca erstmals die Herrendienstpflicht schwören. Zugleich tritt er in die Zunft seines Vaters ein, der Tuchhändler. Die Hoffnungen seiner Eltern ruhen auf ihm, dem  Ältesten. Die Eltern sehen die Großzügigkeit ihres Sohnes wohl nicht un­gern: extravagante Kleidung und eine elegante Erscheinung, höfische Sitten und der Verzicht auf Pöbelhaftes, ja auf jedes grobe Wort, finesse im Verhalten und Sprechen sowie Großherzigkeit gegen Kleine und Arme – all das verheißt ihm eine große Zukunft in der kleinen Stadt. 

Doch es brechen Kriegswirren mit der Nachbarsstadt Perugia aus, Franziskus gerät in Gefangenschaft. Nach über einem Jahr heimgekehrt, verfällt er in schwere Jugenddepressionen. Er kann kein Licht vertragen, pflegt keinen Umgang mehr mit niemandem, kümmert in der Pflege seiner Mutter dahin. Als er sich langsam erholt, kennen ihn seine Freunde nicht mehr. Franziskus tut jetzt einen wichtigen Schritt. Weil er spürt, dass er vor sich selbst davonläuft, stellt er sich seinen Fragen und beginnt mitten in seiner Realität zu suchen. Er ringt um Antworten, um Werte und um ein Leben, das wirklich trägt.

 

Klara von Assisi
Hell um Franziskus

 

Klara von Assisi - MexicoKlara als Jugendfreundin von Franziskus? Das wohl nicht, denn zur Zeit der "Bekehrung" des Franziskus war sie erst etwa 11 Jahre alt. Aber sie kannte ihn und seinen Kampf um einen neuen Weg zu Jesus Christus, denn alle sprachen über ihn und sogar im Dom von Assisi hatte sie ihn predigen gehört. Mit etwa 18 Jahren verließ sie nachts ihr Etlernhaus und floh zu Franziskus und den Brüdern in Portiuncula.
Nach dramatischn Ereignissen lebte sie in äußerster Armut im nahen San Damiano, wo sie standhaft ihre Lebensregel in franziskanischer Armut und Freiheit verteidigte. Zwei Tage vor ihrem Tod bestätigte Papst Innozenz IV. ihre Regel, worauf Klara in Frieden sterben konnte.

 

Armut bedeutete damals auch Freiheit von bürgerlichen und kirchlichen Zwängen ("Beschützern"). Die Namen Franziskus und Klara bedeuteten "frank/frei und klar/hell" als Lebensinhalt, und dies leuchtete nun in der Kirche damals und bis heute. Wenn früher Klara meist als demütige Nachfolgerin des heiligen Franziskus geschildert wurde, sieht sie die neue Forschung als starke Frau und unbeirrte Kämpferin an der Seite ihres Lebensfreundes Francesco. Freiheit von Besitz und Ballast bedeutete vor allem Freiheit für ein menschliches Leben auf den Spuren des ursprünglichen Jesus von Nazareth. Diese Botschaft war im hohen Mittelalter neu und wies weit in die Zukunft hinein, bis in unsere moderne Zeit. Dafür legt auch Papst Franziskus ein helles, freies Zeugnis ab!


Oben: Glasfenster aus Mexico.

Franziskus schneidet Klara nach ihrer nächtlichen Flucht die Haare ab und gibt ihr "ein ärmliches Kleid". Bald darauf führt er sie nach San Damiano, wo sie ein Ordensleben (mit der ersten weiblichen Ordensregel) führt, das insbesondere die Eigenverantwortung jeder einzelnen Schwester betont. Viele Frauen in ganz Europa fühlten sich davon angesprochen, traten bei den Klarissen ein oder gründeten selbst Klarissenkonvente. Das "Zurück zum ursprünglichen Jesus von Nazareth" blieb immer ein prophetisches Programm weit über die franziskanischen Ordensschwestern und -brüder hinaus, sogar über das Christentum hin zur Ökumene und zum Weltfrieden.


Assisi Kreuz San Damiano"Höchster, glorreicher Gott,

erleuchte die Finsternis in meinem Herzen

und schenke mir wahren Glauben,

starke Hoffnung und ewige Liebe.

Gib mir das Gespür und die Erkenntnis,

dass ich den heiligen Auftrag erfülle,

den du mir in Wahrheit gegeben hast."
 

In seiner schweren Jugendkrise vom 23. bis 25. Lebensjahr betet Franziskus betet oft vor dem Kreuz in San Damiano, 20 Minuten unterhalb der Stadt. Sein Gebet ist authentisch überliefert! Einzigartig, wie der junge Mann um "senno e discerno" betet, um Gefühl und Gespür, um eine Ahnung für seine Berufung. Eines Tages hört er vom Kreuz her die Stimme des Herrn: „Franziskus, auf – und richte mein Haus wieder her, das am Verfallen ist!“ Es braucht Zeit, bis Franziskus den tieferen Sinn dieser Worte begreift. Aber stürmisch beginnt er, in der Stadt Ziegel zu betteln und das Kirchlein zu restaurieren. Er wird zum Stadtgespräch. Ein Event, ein Skandal!


Der Vater reagiert heftig. Längst hat das seltsame Verhalten seines Soh­nes ihn verunsichert und verärgert. Franziskus versteckt sich wochenlang am Berg Subasio, nach einem Monat aber kehrt er zurück – und der Vater sperrt ihn im Keller ein. Die Mutter aber, die ihren Sohn überaus liebte, lässt ihn wieder frei. Nach manchem hin und her schleppte ihn der Vater mit seinen Geschäftsfreunden zum Bischofspalast zu einem öffentlichen Prozess.

Der kluge Bischof Guido versucht, den Vater und Franziskus zu beruhigen. Daraufhin inszeniert Franziskus ein radikales Zeichen: er verschwindet kurz im Palais, tritt dann nackt vor den Bischof und spricht die folgenschweren Worte: „Hört alle und ver­steht! Bis jetzt habe ich Pietro Bernardone meinen Vater genannt. Weil ich mich nun aber ganz in den Dienst Gottes stellen will, gebe ich mei­nem Vater das Geld zurück, das ihn so in Unruhe bringt, und alle Kleider, die ich aus seiner Habe besessen habe. Von nun an werde ich nicht mehr sagen „Vater Pietro di Bernardone“, sondern ‚Vater unser im Himmel‘.“