Marcel Duchamp  -  Akt Treppe heruntersteigend

 

Es ist ein Bild, das dem Betrachter nicht sofort verständlich ist. Schon eine Orientierung „oben – unten“ ist schwierig und wird nur durch eine große Aufschrift des Bildtitels und des Namens etwas erleichtert.

Eine Fülle verschachtelter, scharfkantiger Formen ist mir dunklen Konturen hart gegeneinander abgesetzt. Einige Linien jedoch sind nicht jedoch nicht eckig, splittrig, sondern bogenförmig geschwungen. Nur langsam gewöhnt sich das Auge an das Chaos und ertastet eine gewisse Räumlichkeit, wobei jedoch Figur und Grund sich durchdringen. Das liegt auch an der monochromen Farbigkeit des Bildes, die warmen Farbtöne bewegen sich zwischen dunkelbraun und hellbeige und nehmen den spitzen Formen etwas von ihrer Schärfe. Nur die linke untere und rechte obere Ecke sind dunkler gehalten als der Rest des Bildes, dadurch treten alle übrigen Teile heller hervor und es zeichnet sich eine Richtung ab, die von links oben nach rechts unten verläuft.

 

Marcel Duchamp Akt Treppe heruntersteigend

Marcel Duchamp   -  Akt Treppe heruntersteigend (1912)

 
 

Ohne den Titel wäre man hilflos alleingelassen vor einem Bild, das man der Kategorie „gegenstandslos“ mit Recht zugeordnet hätte. Mühsam wie in einem Suchbild lassen sich nun Bildteile herausschälen: links unten „Treppe“, im nach rechts unten etwas fallenden Mittelteil von unten nach oben „Beine“, in den Knien abgewinkelt, darüber wohl „Becken“, Rumpf, Armteile und ein kaum auszumachender „Kopf“. Rechts oben eventuell die Fortsetzung einer „Treppe“. Man erahnt nun eine Vielzahl von roboterartigen Einzelgliedern, die sich in einem bestimmten Rhythmus abwärts bewegen – ruckartigen wie es eine Treppe nötig macht. Jetzt werden auch die oben erwähnten bogenförmigen Schwünge plausibel: sie sollen eine Bewegungsrichtung „beschreiben“.

Das Bild ist ein Versuch, mit malerischen Mitteln eine Bewegung darzustellen. Duchamp geht das Problem auf eine neue Art an. Er greift dabei die neuartigen Ideen des Kubismus und vor allem des italienischen Futurismus auf. Italienische Maler wie Filippo Tommaso Marinetti, Carlo Carrà, Umberto Boccioni, Luigi Russolo, Giacomo Balla und Gino Severini haben aus dem statischen Kubismus ihr eigenes dynamisches Konzept entwickelt.


Duchamp verfährt nach dem futuristischen Prinzip des „Dynamismus“ und der Simultaneität: er fixiert nicht eine sich bewegende Figur im Bild, sondern zerlegt diese in viele verschiedene Bewegungsphasen, die er eng über- und aneinander schichtet, sodass der Eindruck einer komplexen, aufeinanderfolgenden Bewegung entsteht. Anregend zu diesen Versuchen war – neben der allgemeinen Begeisterung für Technik und Tempo – vor allem ein Medium, das damals noch in den Anfangen steckte, das aber Bewegungsabläufe sichtbar machen wollte: die Fotographie und was sich daraus entwickelte „als die Bilder laufen lernten“, der Film.
 

 

Photographie Mann Treppe herabsteigend

„Ist es eine Frau? Ist es ein Mann? Nein. Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, ich habe nie darüber nachgedacht, was es ist. Wozu sollte ich darüber nachdenken? Meine Bilder stellen keine Objekte dar, sondern Abstraktionen. ‚Akt, eine Treppe herabsteigend‘ ist eine Abstraktion der Bewegung. An die Einführung einer Bewegung, der tatsächlichen Bewegung, in ein Kunstwerk, daran hatte noch niemand gedacht. Die Futuristen und ich planten es zur gleichen Zeit, es lag irgendwie in der Luft wegen der Erfindung des Films, des Kinos. Die Idee eines Aktes, der eine Treppe hinuntersteigt, entstand durch die Tatsache, dass ich Fotografien gesehen hatte, die man ‚Chronofotografien‘ nannte. Besonders fesselte mich die Idee, die Bewegung einer die Treppe hinabsteigenden Aktfigur darzustellen und weiterhin an den statischen Bildmitteln festzuhalten. […] Man wird mir entgegnen, dass das keineswegs die Idee der Bewegung wiedergibt. In der Tat, das gibt sie nicht wieder, aber es beschreibt sie. Und schließlich ist ein gemaltes Bild ein Diagramm einer Idee, und in diesem Fall war das noch nie gemacht worden.“ (Duchamp 1968)


 

Marcel Duchamp als Künstler


Marcel Duchamp wurde 1878 in Blainville bei Rouen geboren. 1904 kommt er nach Paris und wird durch seine beiden älteren Brüder dort in die Kunstszene eingeführt. Seine frühen Werke spiegeln die Kunststile der Jahrhundertwende und des frühen 20. Jahrhunderts wider: Cézanne, Jugendstil, Fauvismus und Kubismus. „Ich habe acht Jahre lang Schwimmübungen absolviert“ sagt Duchamp selber von diesem Zeitabschnitt.

Erst ab 1911 gibt es Bilder von eigener Prägung und dann kommt 1913 der Erfolg: er zeigt bei einer Ausstellung in New York vier Bilder, von denen gerade der „Akt, eine Treppe hinabsteigend“ für einen für damalige Begriffe sehr hohen Preis von 400 $ verkauft wird.

Das gute Echo seiner Arbeiten in Amerika veranlasst Duchamp 1915 zur Übersiedelung nach New York. Dort trifft er seinen Freund Francis Picabia, mit dem zusammen er eine Zeitschrift herausgibt, in der das zusammengefasst und propagiert wird, was sich in der Kunst damals ankündigte: eine Umkehr aller bis dahin gültigen Wertmaßstäbe, die Bewegung der Antikunst des so genannten Dadaismus.

Duchamp versucht in den nun folgenden Jahren, sich das Malen abzugewöhnen, es zu verlernen und hört 1923 endgültig mit der Malerei auf. Zwischen 1920 und 1926 beschäftigt er sich verstärkt mit der Herstellung von Objekten und seinen berühmten „ready-mades“, von denen das erste schon aus dem Jahre 1913 stammt: Er montierte das Vorderrad und die Gabel eines Fahrrades auf einen dreibeinigen Hocker.

Es ist typisch für Duchamp, dass er seine Abstinenz von der Malerei sehr nüchtern beurteilte. Er sagte einmal: „Ich betrachte die Malerei als ein Ausdrucksmittel unter vielen anderen und nicht als Endziel, das ein ganzes Leben ausfüllen muss“. Duchamp stellt eine völlig neue Art von Künstlern dar, die bis dahin nicht bekannt war. Er gehört zum neuen Typus des Machers, seine Arbeiten sind oft Endprodukte eines langen Denkprozesses, während dem er kaum produktiv war. So ist seine wahre Bedeutung nicht leicht abzuschätzen.