Aus aktuellem Anlass - Lago d'Iseo 2016


Christo geht übers Wasser - Lago d'Iseo
   Christo geht übers Wasser - 
so erscheint es in allen Medien: eine Performance im malerischen Iseo-See 

 

Durchschnittlich 124 m tief und 25 km lang ist einer der malerischsten Seen der Lombardei, der Lago d'Iseo. Der Verwandlungs- und Verpackungskünstler Christo hat ein unglaubliches Event ermöglicht. 16 Tage lang werden täglich etwa 50.000 Menschen über die 16 m breiten schwimmenden Stege vom Festland aus die beiden vorgelagerten Kleinode von Inseln besuchen können. Zu Fuß, gehen und laufen statt rudern oder segeln. Gratis noch dazu - denn der Künstler betont: "Ich besitze das Werk nicht, niemand besitzt es. Es ist wie unser Leben – es geht vorbei, es existiert nur im Hier und Jetzt." 

 

Christo und Jeanne-Claude 
Verhüllter Reichstag Berlin 1995

 

Nach langem Ringen, welches sich durch die Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahre zog, wurde die Verhüllung des Reichstagsgebäudes am 24. Juni 1995 von einer Mannschaft bestehend aus 90 Berufskletterern und 120 Montagearbeitern vollendet (Beginn der Verhüllung am 17. Juni). Der Reichstag blieb 14 Tage verhüllt, der Abbau begann am 7. Juli und alle Materialien wurden recycled. Über 5 Millionen Besucher haben den verhüllten Reichstag besucht.
 

 

Christo und Jeanne-Claude  Verhüllter Reichstag 1995
Berlin, verhüllter Reichstag vom 24. Juni bis 7. Juli 1995
 

 

Zehn Firmen in Deutschland begannen im September 1994 damit, die verschiedenen Materialien nach dem Entwurf der Ingenieure herzustellen. Während der Monate April, Mai und Juni 1995 haben die Stahlmontagearbeiter die Stahlkonstruktionen für die Türme, das Dach, die Statuen und die Steinvasen installiert, die es dem in Falten gelegten Gewebe erlauben, wie ein Wasserfall vom Dach auf den Boden zu fallen.

100.000 Quadratmeter dickes Polypropylengewebe mit einer aluminisierten Oberfläche und 15.600 Meter blaues Polypropylenseil mit einem Durchmesser von 3,2 cm wurden für die Verhüllung des Reichstags benutzt, hinzu kommen 2000 Tonnen Stahl für die Unterkonstruktion. Die Fassaden, die Türme und das Dach wurden mit 70 speziell dafür zugeschnittenen Gewebepaneelen bedeckt, die doppelte Menge der Oberfläche des Gebäudes.

Das Kunstwerk [die Kosten betrugen ca. 13 Mio. Dollar] wurde wie alle anderen Projekte der Künstler ausschließlich aus eigenen Mitteln finanziert, durch den Verkauf von etwa 420 Vorstudien, Zeichnungen, Collagen, maßstabgerechten Modellen, früheren Arbeiten und Originallithographien. Die Künstler akzeptieren keinerlei Fördermittel aus öffentlicher oder privater Hand oder Erlöse durch Medienvermarktung.

Am 25. Februar 1994 wurde im deutschen Bundestag in einer Plenarsitzung unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Rita Süssmuth 70 Minuten lang über das Kunstwerk debattiert und danach namentlich darüber abgestimmt. Das Abstimmungsergebnis lautete: 292 dafür, 223 dagegen bei 9 Stimmenthaltungen.

„Der Reichstag steht auf einem weithin offenen Gelände, das merkwürdige, ja gerade metaphysische Assoziationen erweckt. Das Gebäude ist einem ständigen Wandel und dauernden Erschütterungen unterworfen gewesen. Fertig gestellt im Jahre 1894, wurde es 1933 in Brand gesteckt, 1945 fast völlig zerstört und in den sechziger Jahren wieder aufgebaut. Doch immer blieb der Reichstag ein Symbol für die Demokratie.

 

Verhüllte Objekte und die daraus entstehenden weichen und fließenden Formen entwickeln ganz eigene ästhetische Qualitäten und sind von besonderer Schönheit. So entstand ein Gesamtkunstwerk aus gründerzeitlicher Architektur, geschichtlicher Aufladung und ästhetischer Überhöhung durch das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude. Der Exil-Bulgare und die Französin schaffen nach 24jährigem Einsatz das schier Unmögliche und schenkten den Deutschen und allen in der Welt, die das Staunen nicht verlernt haben, ein Kunstwerk auf Zeit.
 

„Niemand kann diese Projekte kaufen, niemand sie besitzen, niemand kommerzialisieren, niemand kann Eintritt für ihre Besichtigung verlangen – nicht einmal uns gehören diese Werke. Unser Werk handelt von Freiheit, und Freiheit ist der Feind allen Besitzanspruchs, und Besitz ist gleichbedeutend mit Dauer. Darum kann das Werk nicht dauern.“
Christo 1984

 


Der künstlerische Gesamtprozess aller Projekte besteht jeweils aus drei Schritten: Imagination, Realisation und Erinnerung. Das grafische Werk zeigt die Evolution der Details und die Entwicklung der Ursprungsidee. Es bezieht sich auf das, was noch nicht sichtbar ist und erst umgesetzt werden soll, bestehend aus Zeichnungen, Modellen und Collagen aus Architekturzeichnungen, topografischen Fotos oder Ingenieurskizzen mit technischen Details. Auch der Widerstand der Gesellschaft, der den Ablauf der Realisation mitunter begleitet, gehört dazu. Beendet ist ein Projekt erst dann, wenn es wieder verschwunden ist, dann bleiben nur noch die Erinnerung und viele Fotos von der Realisierung, um die Erinnerung wach zu halten.
 

Verhüllter Reichstag - ChristoChristo und Jeanne-Claude versuchen in ihrer Kunst zwei Dinge zu behandeln: „Beauty and tenderness“, Schönheit und die zärtliche Liebe zu deren Vergänglichkeit. Sie weisen jede darüber hinausgehende Bedeutungsdimension oder Symbolik von sich. Christo hat sich für den Reichstag und Berlin entschieden weil für ihn eine Verbindung zwischen dem zu einer Barriere aufgespannte Stoff und seiner Flucht über den „Eisernen Vorhang“ 1957 besteht, weil Berlin die Stadt ist, in der sich Ost und West traf. Als Teil ihrer Arbeit betrachten die beiden Künstler sowohl die öffentliche Diskussion als auch ihre Finanzierungs-konzepte der strikten Verweigerung von Sponsoring oder Kommerz. Sie unterscheiden sich damit vom traditionellen Kunstverstehen, das Kunst hinter geschlossenen Ateliertüren entstehen lässt. Sie lieben die Verbindung von Kunst und Leben. Sie verweisen auf die Nähe dieses Vorgehens zu stadtplanerischen Abläufen, wo die Mitwirkung von Bürgern ebenfalls Platz hat.

 

Innerhalb seiner künstlerischen Entwicklung erarbeitete Christo dieses Verfahren der Verhüllung zunächst an kleineren Objekten, wie z.B. Dosen oder Ladentüren. Er variierte dieses Vorgehen in zunehmend größeren Projekten, indem er mit den Eigenschaften der ausgewählten Gewebe wie Fall, Faltenwurf und Lichtverhalten spielte. Für Christo ist das Temporäre seiner Aktionen (meist nicht mehr als zwei Wochen) und das Verhüllen eng miteinander verbunden: Zum einen ist es ein Angriff auf die Unsterblichkeit der Kunst, zum anderen entsteht ein Spannungsmoment, wenn etwas verhüllt wird, wenn es den Blicken entzogen wird und man darauf wartet, dass es wieder seinen ursprünglichen Anblick annimmt. Jedes Projekt kann nur einmal gemacht werden, danach ist es nur noch Erinnerung. Was die Christos bei ihren Großprojekten zeigen ist zudem gleichsam ein Abbild von zeitgenössischen Produktions- und Managementmöglichkeiten und der Public-Relation, aber in einer ästhetisierten Form.

 


Fastenzeit - die Kreuzverhüllung

 

Bereits Mose gab Anweisung, vor dem Allerheiligsten einen kostbaren Vorhang zu hängen (Ex 26,31-33). Auch der Tempel von Jerusalem hatte einen solchen Vorhang. Als Jesus starb, riss der Vorhang im Tempel entzwei, wird uns im Markusevangelium berichtet (Mk 15,38). Bei der Kreuzenthüllung in der Karfreitagsliturgie verkündet uns das abgenommene Tuch die frohe Botschaft: „Das Trennende, die Erbschuld, wurde durch Christus gesühnt, es existiert nicht mehr. Tod und Sünde sind besiegt, durch den, der uns Heil gebracht hat. Der Weg zu Gott ist wieder frei!“

Warum verbirgt die Kirche das Kreuz ausgerechnet zu jener Zeit, in der die Passion des Herrn, die ihren Höhepunkt in der Kreuzigung findet? Die Antwort ist eigentlich recht einfach: Weil das Kreuz schon in der frühen Kirche als Symbol der Auferstehung verstanden wurde. „Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung“ singen wir gerne beim Beten des Kreuzweges. Der Schandpfahl wurde durch Christus zum Siegeszeichen. Aus diesem Grund hält man dem Betrachter das Kreuz verborgen, um ihn an das freiwillig auf sich genommene Leiden Jesu zu erinnern, dessen wir in der Fastenzeit gedenken

 

verhülltes KreuzDie Kreuzverhüllung ist also eine Aktion, die unsere Gedanken wieder auf das augenblickliche Geschehen lenken will – und das ist in der Fastenzeit das Leiden, die Passion Christi, der am Kreuz Tod und Sünde überwunden hat, um uns das Heil zu schenken. Jedes Mal, wenn wir uns bekreuzigen, zeichnen wir über uns das Siegeszeichen, durch das wir erlöst wurden. 

Der Gedanke des Verbergens kann um die Dimensionen des Geborgen-Seins und des Bergens an sich erweitert werden. Man ist geborgen in Gott, manchmal verbigt sich Gott und lässt sich doch immer wieder entdecken. So ist Gott verborgen und wird spürbar im Nächsten, im Armen, im Kranken, im lebensspendenden Wasser, in der Fairness, in der Gemeinschaft …

 

Die Braut trägt einen Schleier, um beim Enthüllen die wahre Schönheit zu zeigen. Das Geschenk wird eingepackt und verziert, um es kostbar zu machen. Wer trauert, verbirgt sich, um allein sein zu können, denn so allein kann er heilen. Wer erschrickt, verbirgt sich das Gesicht, schlägt die Hände vor die Augen. Ein Kunstwerk wird zum richtigen Augenblick enthüllt - und so könnten wir mit Beispielen fortfahren. So führt das zeitweilige Verhüllen dazu, dass das Verborgene wieder neu geoffenbart werden kann.
 

Vor allem Frauen verwenden viel Zeit und zeigen guten Geschmack beim Einpacken. Sie wählen Papier und Bändchen aus, denken an die geliebte Person, was zu ihr passt und beschäftigen sich mit ihr, mit Händen und Augen. Einpacken ist Schutz und erhöht den Wert des Geschenkes. Auch den Körper bekleiden wir - sorgsam, schützend und vorteilhaft, schön und warm und sicher. Ein schön verpacktes Geschenk ist geheimnisvoll, diskret und erweckt Erwartung. Vor allem Kinder packen leidenschaftlich gerne aus - ich denke an ein kleines Kind, das am Heiligen Abend nach dem Auspacken mitten unter Papier und Schachteln auf dem Boden saß und weinte: "Ich will noch Christkind, noch Christkind ...!" Kleider machen Leute - sagt man, und ich würde dazu fügen - Kleider muß man tragen können! So ist es mit dem Geschenk und mit seiner Verpackung. Und erst die Übergabe, aufregend, voller Erwartung und Hingabe!